Sport : Sammers neue Leichtigkeit

Dortmunds Trainer will nicht mehr so viel kritisieren

Felix Meininghaus

Dortmund. Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er permanent versucht, zu wachsen und sich zu entwickeln. Matthias Sammer hat in den vergangenen Wochen intensiv reflektiert über sich und die Profis von Borussia Dortmund. Mit dem Ergebnis, dass der Mann, der in der Branche den personifizierten Ehrgeiz repräsentiert, in Zukunft ein wenig nachsichtiger sein will. Es bringe wenig, so die Erkenntnis, „wenn ich immer nur fordre, fordre, fordre“. Vielmehr könne „der Schuss ganz schnell nach hinten losgehen, wenn ich die Mannschaft überfordert“.

Die neue Leichtigkeit scheint bei seinen Profis anzukommen: Beim 4:1 (3:1) im Revierderby gegen Bochum zeigte der BVB eine Klassepartie. Für Kapitän Stefan Reuter hing der eindrucksvolle Auftritt eng mit dem Versprechen seines Trainers zusammen, sich mäßigen zu wollen. Das öffentliche Bekenntnis, in sich zu gehen „und auch mal Selbstkritik zu üben“, stufte Reuter als „genialen Schachzug“ ein. „Der Trainer hat uns dadurch den Druck genommen.“ Sammer selbst hatte seine helle Freude am Auftritt der in den Wochen zuvor so wankelmütigen Stars. Vor allem, „wie gut die Mannschaft auf den Rückstand reagiert hat. In der ersten Halbzeit hatte ich das Gefühl, die wollen den Gegner auffressen.“

Doch Sammer wäre nicht er selbst, wenn er trotz aller Läuterungsversprechen keine Ansätze zur Verbesserung finden würde. Zum Beispiel in der zweiten Hälfte, als sich die Dortmunder im Hinblick auf das anstehende Champions-League-Spiel in Madrid zurück nahmen. Das kräfteschonende Auftreten verursachte bei Sammer Stirnrunzeln: „Wenn wir da das fünfte oder sechste Tor machen, sieht die Sache noch besser aus“, sagte der 35-Jährige. Da war er wieder, der akribische Arbeiter Sammer, der einfach nicht aus seiner Haut kann. Worauf der neue Sammer sichtlich erschrocken reagierte: „Das soll jetzt nicht als Kritik gewertet werden, ich wollte mich ja ändern.“

Ihren Zuschauern haben die Dortmunder mit ihrem Auftritt gegen Bochum einen Herzenswunsch erfüllt. Im Westfalenstadion war die Woge der Erleichterung förmlich greifbar, weil die Sehnsucht nach schönem Fußball nach langem Warten wieder einmal erfüllt wurde. Für Torsten Frings löste der BVB damit eine Bringschuld ein: „Endlich haben wir unseren Fans mal ein richtig gutes Spiel geboten“, sagte der Nationalspieler, und Reuter bemerkte, „wie viel Spaß es macht, richtig Fußball zu spielen“.

Vor allem auch im Hinblick auf die anstehenden Aufgaben. Die haben es in sich: Mittwoch in der Champions League bei Real Madrid, Samstag das Revierderby auf Schalke und am Dienstag darauf das Rückspiel gegen Real. Bei solchen Herausforderungen sind Auftritte wie der gegen Bochum „eminent wichtig für das Selbstvertrauen“, sagt Sportdirektor Michael Zorc. Und bei Sammer wächst die Erkenntnis, „dass wir uns von der Qualität her nicht vor Madrid verstecken müssen.“

Das gelte jedoch nur, wenn die Mannschaft couragierter auftritt als bei der Heimniederlage gegen den AC Mailand. Da habe der BVB seinen Kontrahenten „freundlich gegrüßt“, sagt Sammer, „beinahe hätten wir denen noch die Schuhe zugemacht“. Mit einer solch demütigen Haltung wird sich auch der neue Matthias Sammer niemals zufrieden geben: „So etwas darf sich in Madrid auf keinen Fall wiederholen.“

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