Samuel Schwarz : Sein Gespür für Eis

Der Berliner Samuel Schwarz könnte am Freitag bei den Männern die erste deutsche WM-Medaille im Eisschnelllaufen seit 13 Jahren gewinnen.

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Rasant nach oben. Der 29 Jahre alte Samuel Schwarz erlebt gerade die beste Saison seiner Karriere. Die Weltcupwertung über die 1000 Meter hat er auf dem vierten Platz abgeschlossen. Foto: p-a/dpa
Rasant nach oben. Der 29 Jahre alte Samuel Schwarz erlebt gerade die beste Saison seiner Karriere. Die Weltcupwertung über die...Foto: picture alliance / dpa

Anlauf nimmt Samuel Schwarz nicht. Das ist in seinem Sport nicht vorgesehen. Aus dem Stand heraus überspringt er die Hürden, die er in der Leichtathletikhalle vor sich aufgebaut hat. Fünf Stück, er nimmt sie flink hintereinander. So geht das einige Male. Jedes Mal schraubt Schwarz die Hindernisse ein Stückchen höher, jedes Mal saust er mit den Fußsohlen nur ein paar Millimeter über sie hinweg. Es ist vor allem diese Art von Feinarbeit, die ihn zum aussichtsreichsten deutschen Athleten seit vielen Jahren in seinem Sport werden ließ. Samuel Schwarz, den Eisschnellläufer.

In den Wettkämpfen kommt zu der Genauigkeit noch eine extreme Geschwindigkeit hinzu. Passt Schwarz da nur einmal kurz nicht auf, war es das mit einer vorderen Platzierung. Doch das passiert ihm nur noch selten. Mit der Zeit hat der 29-Jährige gelernt, die seltene Kombination aus Gefühl und Rasanz zu perfektionieren. Bundestrainer Thomas Schubert hat ihn einmal als den „technisch besten Schlittschuhläufer des deutschen Teams“ bezeichnet. Natürlich ist Schwarz durchtrainiert, so monströse Oberschenkel wie die meisten seiner Kontrahenten bringt er jedoch nicht mit. „Ich bin nicht der ganz muskulöse, kraftvolle Läufer. Ich bin jemand, der übers Eisgefühl erfolgreich wird“, sagt Schwarz, nachdem er die Hürden in seinen schwarzen Trainingssachen überwunden und einen kräftigen Schluck aus seiner Trinkflasche genommen hat.

Im Februar geht das beinahe die ganze Zeit so, meistens schindet sich Schwarz zweimal am Tag. Oft in der riesigen Halle im Sportforum Hohenschönhausen, wo neben ihm Turnerinnen über Holzkisten hüpfen und Leichtathleten ihre Runden auf der Bahn drehen. Die Krafteinheit hat Schwarz heute schon hinter sich, ein paar Sprints muss er noch machen. „Dass Sport auf dem Niveau, das ich betreibe, nicht mehr gesund ist, weiß ich.“ Dennoch ist dies vielleicht die wichtigste Phase in der Saison, damit er zum Höhepunkt auch wirklich seine beste Leistung zeigen kann – gerade nach dieser Vorgeschichte: „Es ist die beste Saison meines Lebens. Ich war nie so kontinuierlich gut auf so hohem Niveau. Das will ich in Sotschi abrunden.“

Mit Sotschi meint Schwarz die Einzelstrecken-WM, bei der er am Freitag (voraussichtlich gegen 18 Uhr in der ARD) über die 1000-Meter-Distanz um eine Medaille kämpft. Dreizehn Jahre lang hat es das bei den deutschen Eisschnelllauf-Männern nicht mehr gegeben: eine WM-Einzelmedaille. Der vorerst letzte, dem das Kunststück gelang, war Frank Dittrich, der im Jahr 2000 Bronze über 10 000 Meter holte. Seither gewannen immer nur die Frauen das Rennen um die Aufmerksamkeit hierzulande – entweder durch Erfolge, auffällige Blutwerte oder interne Zickereien. „Es gab Zeiten, in denen wir komplett hinten runtergefallen sind. Da dachten alle, dass Weltcups nur für Frauen ausgetragen werden“, sagt Schwarz. „Jetzt werden wir mehr beachtet, jetzt ist auch die Anerkennung da.“

Er selbst hat viel dazu beigetragen. Nach neun Jahren feierte er 2010 den ersten Weltcup-Sieg eines Deutschen, in dieser Saison kam ein weiterer Erfolg hinzu. Den Gesamtweltcup schloss er auf Rang vier ab. Das spricht insofern für die Konstanz von Samuel Schwarz, als dass keine Strecke im Eisschnelllauf so umkämpft ist wie seine. Beim 1000-Meter-Sprint gibt es auch deshalb so viele verschiedene Sieger, weil es auf jede Kleinigkeit ankommt. Und weil es eben am Ende kein Sprint mehr ist, wenn man Schwarz glaubt: „Die letzten 200 Meter sind eine Quälerei. Es tut alles weh, man verliert die Kontrolle, man wird fest, das Sichtfeld verschwimmt.“ Hat Schwarz aber die vielen Sachen zuvor alle richtig gemacht – wie es bei ihm zuletzt meist der Fall war, denn er trainiert ja nicht umsonst so akribisch –, ist er zuverlässig vorne dabei. Das kann verführerisch sein.

War ein sechster Platz früher noch ein Erfolg, kann er sich heute darüber aufregen. „Nicht nur Geld ist inflationär, sondern auch Zeiten und Platzierungen“, sagt Schwarz. Andererseits möchte und kann er auch niemand sein, der sich über Plätze definiert. Der Berliner wirkt selbst nach zwei Stunden andauernden Kraftübungen, die nicht gerade zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehören, nachdenklich und reflektiert – er überlegt genau, was und wie er es sagt. Zum Beispiel, dass er verkrampfe, wenn er sich nur auf die nächstbeste Zeit fokussiere. Dass er dann womöglich schlechter werde. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen wäre das kaum die beste aller Alternativen.

Denn Sotschi ist mehr als nur der Ort, an dem die Einzelstrecken-WM des Jahres 2013 ausgetragen wird. Im Prinzip trainiert Schwarz die vergangenen drei Jahre schon darauf hin, bei Olympia 2014 in Sotschi groß dabei zu sein. Und im Gegensatz zu anderen Eisschnellläufern hat er dann nur eine Chance. Seine Akribie geht bis hin zur Streckenauswahl. Zwar sagt sein Trainer, dass er von der Spezialisierung auf die 1000-Meter-Strecke profitiere. Aber Fehler verzeiht diese Distanz eben nicht. Vielleicht übt der Berliner deshalb auch mehr als andere Kollegen, die mit ihm zusammen in der Halle trainieren. Schwarz kann nicht anders. „Andere motiviert es, wenn sie sich nur mit ihren Ergebnissen beschäftigen“, sagt er. „Ich konzentriere mich darauf, mein Maximum abzurufen. Mein Weg ist es, über die Handlung zum Erfolg zu kommen.“

Also springt Samuel Schwarz über die Hürden. Immer wieder, immer höher.

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