Sport : Sanfte Verteidigung

In der Nationalmannschaft gilt Per Mertesacker mit 21 Jahren schon als dominierender Abwehrspieler

Stefan Hermanns[Istanbul]

Die Meldung vom vergangenen Wochenende passt in die Reihe negativer Erlebnisse, die Per Mertesacker gerade verarbeiten muss. In der Nationalmannschaft hat der Abwehrspieler von Hannover 96 zuletzt zwei Elfmeter verursacht, und jetzt ist auch noch in der Bundesliga eine schöne Serie zu Ende gegangen. Im achten Saisonspiel, nach exakt 695 Spielminuten, hat sich am Samstag Unglaubliches zugetragen. Per Mertesacker, der gute Mensch von Hannover, hat sein erstes Foul in dieser Saison begangen. Muss man sich ein bisschen Sorgen machen um ihn?

Joachim Löw, der Kotrainer der Nationalmannschaft, findet, dass der Verteidiger „eine normale Phase für einen jungen Spieler“ durchmacht. Mertesacker ist jetzt 21, und er selbst sagt, man müsse manchmal einen Rückschritt machen, um anschließend wieder zwei Schritte nach vorne zu gehen. „Ich wäre froh, wenn es mal nicht so gut läuft.“ Was aber nicht heißen soll, dass dies bei ihm gerade der Fall ist. Es sieht wohl nur so aus. Die Erfahrung, die Mertesacker im Moment macht, resultiert aus den Mechanismen der modernen Mediengesellschaft: Was gestern gut war, kann heute schon wieder schlecht sein. Seitdem der Innenverteidiger für die Nationalmannschaft spielt, wird er für sein überlegtes und ruhiges Auftreten gelobt, für sein räumliches Denken, das präzise Stellungsspiel. Genau diese Fähigkeiten werden ihm nun zum Nachteil ausgelegt: Jetzt gilt er als behäbig, fast überheblich. Wenn von seiner Serie ohne Foul die Rede war, schwang unterschwellig immer eine gewisse Kritik mit: ein Verteidiger, der nicht mal ordentlich dazwischenhaut? In einem Land, in dem Berti Vogts und Jürgen Kohler für das Abwehrspiel stilbildend gewirkt haben, ist das immer suspekt.

So ist die paradoxe Situation entstanden, dass Mertesacker einerseits für die Krise des deutschen Defensivspiels steht – aber zugleich als moderner Verteidiger die Hoffnung auf Besserung verkörpert. In den vergangenen neun Spielen hat die Mannschaft achtmal zwei oder mehr Gegentore kassiert. Nur gegen Slowenien und Tunesien spielten die Deutschen in diesem Jahr zu null. Doch selbst Torhüter Oliver Kahn, der sich in der Öffentlichkeit gerne als Leidtragender der Defensivschwäche positioniert, sagt: „Wir haben viele gute Verteidiger.“ Als hoffnungsvollster unter ihnen gilt immer noch Per Mertesacker.

Bundestrainer Jürgen Klinsmann findet den Weg, den der Hannoveraner im letzten Jahr genommen hat, „sehr beeindruckend. Er hat sich zu einer sehr wichtigen Säule entwickelt.“ Das war nicht unbedingt abzusehen, als Mertesacker vor einem Jahr erstmals in die Nationalmannschaft berufen wurde. Nach gerade 20 Bundesligaspielen kam er gegen Iran zu seinem Debüt in der Nationalelf; zehn Minuten vor Schluss wurde er eingewechselt. Seitdem hat Mertesacker 14 von 16 möglichen Länderspielen bestritten, eins mehr als Kapitän Michael Ballack. „Von einem Nobody fast zu einem Fixpunkt“, sagt Löw über diese Entwicklung.

Mertesacker ist in eine Rolle hineingeraten, für die er ursprünglich gar nicht vorgesehen war: Er gilt jetzt als Chef der deutschen Abwehr, und offen ist im Hinblick auf die Weltmeisterschaft eigentlich nur noch, wer neben ihm spielen darf: Lukas Sinkiewicz, Robert Huth, Christoph Metzelder oder doch der nörgelnde Christian Wörns. Abwehrchef? Mertesacker sagt: „Ich habe das eigentlich immer dementiert, weil mir die Erfahrung gefehlt hat.“ Vielleicht fehlte ihm anfangs auch die Autorität. Doch Löw hat erkannt, dass Mertesacker dominanter geworden ist: „Er spürt, dass er reden muss, und beginnt, auch Anweisungen zu geben.“

Es könnte sein, dass Mertesacker gegen die Türkei am Samstag und China am Mittwoch an der Seite von Christoph Metzelder verteidigen wird, dessen Karriere bis zu seiner schweren Verletzung ähnlich verlaufen ist. Metzelder stand 2002 im WM-Finale, ist knapp vier Jahre älter und könnte schon deshalb einen Führungsanspruch geltend machen. Per Mertesacker sagt: „Damit habe ich kein Problem.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben