Sport : Sarajevo: Zurück auf den Olymp

Lara Lovrenovic

In dieser Stadt ist immer zu wenig los. Und wenn es doch mal ein gutes Konzert gibt, dann hat man das Gefühl, dass sich dort alle Einwohner versammeln. So ist es auch an diesem Abend. Die olympische Sporthalle Zetra füllt sich. Von politischen bis hin zu kulturellen Veranstaltungen findet hier alles statt, was in Sarajevo die Menschen anzieht. Ich freue mich, heute eine Karte bekommen zu haben. Als der Sänger mit dem ersten Lied anfängt, wird die Menschenmenge zu einer einzigen Stimme. Auf einmal fallen mir die olympischen Ringe an der Wand auf. Sie kommen mir jetzt sehr klein vor. Irgendwie hatte ich sie viel größer in Erinnerung. Andererseits erinnere ich mich nur vage an 1984, als die Winterspiele in Sarajevo stattfanden. Denn damals war ich noch ein kleines Kind. Doch meine Eltern erzählten mir viel davon. Menschen aus aller Welt kamen in unsere Stadt, die Tore Sarajevos standen offen. Keiner fragte den anderen nach der Herkunft. Ob Bosnier, Kroaten, Serben oder Slowenen, ob Katholiken, Orthodoxe oder Moslems - wir waren gemeinsam Gastgeber des bis dahin wichtigsten Ereignisses unseres Landes. Für uns war es ein Jahr der Herausforderung, in dem wir der ganzen Welt beweisen konnten, dass wir Olympia würdig waren. Als die Entscheidung fiel, die Spiele in Sarajevo auszutragen, schaute die Welt skeptisch in Richtung Balkan. Jugoslawien war ein Entwicklungsland. Viele trauten uns nichts zu. Aber die Sarajevoer wussten, dass dies eine Mutprobe war und nahmen die Aufgabe an.

Mir war die tiefe Bedeutung des Ganzen damals natürlich noch nicht so bewusst. Da ich vier Jahre alt war, weiß ich nur noch, dass ich nicht mehr auf der Straße vor meinem Haus spielen durfte, weil überall gebaut, gegraben und renoviert wurde. Auf meine Frage, warum das so sei, kam immer die Antwort "wegen Olympia". Ich verstand nicht, wer oder was dieses Olympia war. Ich mochte aber die vielen neuen Geschäfte, neuen Spielplätze und Sachen, die ich davor noch nie gesehen hatte. Ich aß zum ersten Mal in meinem Leben eine Ananas.

Ich war von den Dingen, die dieses Olympia mit sich brachte, so fasziniert, dass ich es kaum erwarten konnte. Noch etwas konnte ich kaum erwarten: die Rückkehr meiner Mutter und meiner Schwester aus dem Entbindungskrankenhaus. Meine Mutter erzählte mir später, dass sie die Eröffnung der Spiele vom Krankenhausfenster beobachtet hatte, und dieses Ereignis das Schönste war, was sie jemals in Sarajevo erlebt hatte. Die Stadt lebte für zwei Wochen so auf, dass man glaubte, das Zentrum der ganzen Welt zu sein. Sarajevo erlebte damals den größten Aufschwung seiner Geschichte. In den Vorbereitungsjahren wuchsen neue Stadtviertel, viele Hotels wurden erbaut, auf den umliegenden Gebirgen entstanden neue Skistrecken, und in der Stadt Sporthallen, Schnellstraßen, ein Flughafen. Auch die Zetra-Halle wurde zu der Zeit gebaut.

Die Musik holt mich wieder in die Wirklichkeit. Ich sehe mich in der Halle um und bemerke, dass alle fröhlich mitsingen. Es scheint mir, als ob alle vergessen hätten, dass die Halle vor kurzem noch in Schutt und Asche lag. Bin ich denn die einzige hier, die noch daran denkt? Vielleicht liegt es ja daran, dass ich nie vergessen habe, wie sie an jenem Tag brannte, als ich Sarajevo verlassen musste. Ich saß im Bus und mir kamen die Worte meiner Mutter wieder in Erinnerung, als wir im Keller hockten und uns vor den Granaten versteckten. "Keine Angst, mein Kind", hatte sie immer gesagt. Und: "Im Zweiten Weltkrieg wurde selbst Berlin nicht ganz zerstört. So viele Menschen haben damals überlebt. Auch wir werden es schaffen." Vier Wochen später kamen wir mit einem Flüchtlingskonvoi nach Berlin. Ganz zufällig. Ich frage mich heute noch, ob das Schicksal oder Zufall war.

Ich habe lange Zeit gebraucht, um mich damit abzufinden, dass ich in naher Zukunft nicht zurückkehren kann, weil zu Hause der Krieg immer weiter wütete. Jeden Tag sah man die Schrecken im Fernsehen. Drei Jahre sah ich zu, wie meine Stadt zu Grunde ging. In Berlin war mein Leben erst einmal nur auf Bosnien konzentriert. Ich lebte nur noch für die Nachrichten aus meiner Stadt. Immer hoffte ich auf Lebenszeichen von meinem Vater, der in Sarajevo geblieben war.

Irgendwann bekam mein Leben einen normalen Lauf. Die deutsche Sprache lernte ich schnell in der Schule. Ich gewann Freunde, hörte auf, immer bosnische Zeitungen zu lesen und holte mir immer öfter eine "Bravo", wie es alle meine Schulkameraden taten. Ich fühlte, dass ich viel nachholen musste, weil ich mein Leben in der ersten Zeit nur dem Krieg gewidmet hatte. Am Anfang suchte ich noch Parallelen zwischen Sarajevo und Berlin, weil ich nostalgisch in Erinnerung schwelgte. Irgendwann aber wurde Berlin meine zweite Heimat. Sechs Jahre vergingen wie im Flug, und die Zeit war gekommen, dass wir zurück nach Bosnien mussten. Unsere Aufenthaltsberechtigung war abgelaufen. Der Abschied von meinen Freunden und Berlin war die zweite Tragödie in meinem jungen Leben. Ich hatte auf einmal große Angst, nach Bosnien zurückzufahren, weil mich jetzt nur noch wenig damit verband. Ich wusste nicht, was mich dort erwarten würde, und ich wollte nicht noch einmal verlieren, was ich mir jahrelang aufgebaut hatte.

Das Nachkriegssyndrom

In Bosnien bewahrheiteten sich meine Ängste. Ich erkannte die Stadt Sarajevo fast nicht mehr und die Leute erst recht nicht. Alles war anders, kaputt, schmutzig. Ständig fragte ich mich, ob das dieselbe Stadt war. In Deutschland war ich Ordnung und Ruhe gewöhnt, hier herrschte das Nachkriegssyndrom. Es gab keine gültigen Gesetze, keinen pünktlichen Straßenverkehr. Von einem kulturellen Leben konnte keine Rede sein.

Mittlerweile aber ich mich an meine Stadt gewöhnt. Ich habe neue Freunde, ich studiere und gehe auf Musikkonzerte. Zunehmend merke ich, dass sich die Menschen immer weniger an den Krieg erinnern wollen. Sie wollen ausgehen, feiern und vergessen. Sie wollen leben. Die Stadt und die Menschen haben überlebt. Wir müssen das der Welt zeigen. Deshalb wollen sie die Olympischen Spiele wieder nach Sarajevo holen. Die Idee für die Bewerbung um die Winterspiele 2010 stammt schon aus dem Kriegsjahr 1994, als einige ehemalige Sportler zusehen mussten, wie die Olympiahalle Zetra abbrannte. Jetzt hat der Magistrat der Stadt eine erneute Bewerbung auch offiziell beschlossen und das Internationale Olympische Komitee von den Plänen unterrichtet.

Ich weiß von vielen Menschen, dass sie diese olympische Idee sehr gut finden. Ich weiß auch, dass sie der ganzen Welt zeigen wollen, dass wir trotz des Krieges wieder Olympia organisieren können. Die Spiele bedeuten uns viel, sie wären eine große Hilfe zum weiteren Aufbau Sarajevos und auch Bosniens. Die Menschen hätten wieder ein Ziel, und für viele gäbe es Arbeit. Denn wegen der Arbeits- und Ausweglosigkeit denken immer mehr junge Leute daran auszuwandern. Ich persönlich bin inzwischen fest der Meinung, dass wir jungen Leute die Zukunft für unser Land sind. Deshalb bleibe ich auf jeden Fall hier.

Falls uns die Ehre wieder zuteil wird, die Spiele in Sarajevo austragen zu dürfen, wird das eine große Chance sein, unserer Stadt das zu geben, was sie wirklich verdient hat. Es ist auch eine gute Gelegenheit, den Kriegsherren von damals endlich zu zeigen, dass sie mit diesem Krieg fast nichts erreicht haben. Denn im Zentrum Sarajevos hört man nach wie vor den Glockenklang der katholischen und der orthodoxen Kirche und den Gebetsruf des Mujezins. Ich habe das Gefühl, dass wir nach all den Jahren noch stärker geworden sind.

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