Sport : Satt, übermüdet, lustlos

Der Weltranglistenerste Timo Boll scheiterte bei der Tischtennis-WM vor allem an sich selbst

Jörg Petrasch

Berlin. Das Palais Omnisport wird Timo Boll in den nächsten Tagen eher selten betreten. „Ich komme wohl nicht mehr oft zu den Spielen“, sagte der Deutsche, den die Tischtennis-Weltrangliste als Nummer eins führt. Er flaniert nun lieber durch Paris, als sich noch einmal an jenen Ort zu begeben, wo der künftige Weltmeister ausgespielt wird. Boll sagt: „Ich habe die Schnauze voll.“

Am Donnerstag war Timo Boll auch im Doppel mit Zoltan Feyer-Konnert an den chinesischen Titelverteidigern Wang Liqin/Yan Sen mit 1:4 gescheitert, und auch alle weiteren deutschen Vertreter schieden aus. Die schmerzvollere Niederlage jedoch hatte der 22-Jährige Boll am Vortag erlitten. Fast sensationell war er in der zweiten Runde am 18-jährigen Chinesen Qiu Yike gescheitert. Es war die größte sportliche Niederlage seiner Karriere. „Das war ein bitteres WM-Turnier“, sagte Boll, „die Einzel-Niederlage hat mich sehr mitgenommen.“

Dass der topgesetzte Deutsche bei der WM so schnell als Tourist enden würde, liegt vermutlich nicht allein daran, dass die Chinesen seit Jahren das Spiel des Linkshänders genau analysiert und sich mittlerweile darauf eingestellt haben. „Das frühe Aus war nur für Außenstehende eine Überraschung. Timo war nicht so vorbereitet, wie es sich für eine WM gehört“, behauptet Jörg Roßkopf, sein Klubkollege vom TTV Gönnern.

Das bestätigte auch Boll. „Ich habe physische Probleme. Die vielen Wettkämpfe in dieser Saison haben eine vernünftige Vorbereitung nicht zugelassen.“ Dazu kam, dass Boll Anfang des Jahres noch an einer Rückenverletzung laborierte. Im Februar konnte er dann zwar seinen Vorjahressieg im Europe-Top-12-Turnier wiederholen. Es war aber zu erkennen, dass er im Vergleich zum Vorjahr abgebaut hatte. Nur durch eine enorme psychische Leistung vor deutschem Publikum konnte er einige knappe Spiele herumreißen. Seitdem kamen Bundesligaspiele, internationale Turniere sowie die EM dazu. „Ich fühle mich satt, übermüdet und habe etwas die Lust verloren“, sagte er.

Daran, dass sich das ändert, will in Zukunft auch der Deutsche Tischtennis Bund (DTTB) arbeiten. „Wenn wir gemeinsam die richtigen Schlüsse aus der WM ziehen, kann Timo schon bei Olympia 2004 in Athen um den ganz großen Titel mitspielen“, sagt Chefbundestrainer Dirk Schimmelpfennig. Dazu gehört auch, Boll vor dem Medienrummel und Vermarktungsfragen zu schützen, die nach seinem Sprung an die Spitze der Weltrangliste über ihn hereingebrochen sind. Zeitweise wurde Boll ganz allein die Aufgabe übertragen, Tischtennis aus seinem Randsportdasein zu befreien.

Boll muss nun zeigen, ob er die Prioritäten richtig setzt. Seine Weltranglistenposition wird er nach der WM verlieren. Und die Konkurrenz wird ihn genau beobachten. Der Schwede Jan-Ove Waldner, der vielleicht beste Spieler aller Zeiten, sagt: „Die schwerste Zeit steht Timo noch bevor. Nun muss er beweisen, dass er dauerhaft oben bleiben kann.“

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