Sport : Sauer, aber nicht überrascht

Der Hamburger SV gibt nach der Niederlage in Karlsruhe freimütig zu, noch kein Spitzenteam zu sein

Oliver Trust[Karlsruhe]
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Unklarer Fall. Petric (rechts) schubst, Engelhardt nimmt dankbar an. Foto: ddp

Wenn Skandinavier und Niederländer deutsch sprechen, verfallen sie immer in das vertrauliche „du“, was sofort eine heimelige Atmosphäre entstehen lässt. Und so fühlte sich auch Martin Jol wohl, als er die Szene aus der 76. Minute nachspielte, einem Journalisten die Hand auf die Brust legte und sagte: „Siehst du, du fällst nicht um, aber du bist ja auch ein starker Mann, der nicht fallen will.“ Das sollte heißen, der Karlsruher Mittelfeldspieler Marco Engelhardt wollte fallen, nachdem er Mladen Petric umklammerte und der ihn wegschubste. Jol stand eine ganze Weile an der großen Glastür, die zum Treppenhaus des Wildparkstadions führt, das einen prächtigen Fluchtweg für Trainer nach peinlichen Niederlagen darstellt – was für die Gegner des KSC in dieser Saison nicht oft vorkam. Umso peinlicher war der Auftritt des Hamburger SV, der Zweifel daran wachsen ließ, ob die Hanseaten wirklich schon ein Team sind, das für die Spitze der Liga taugt. Man hatte das bundesweit angenommen, als der HSV die scheinbar unbezwingbaren Bayern vor einer Woche mit 1:0 bezwang.

Martin Jol aber, der gerade in letzter Sekunde durch das Kopfballtor von Sebastian Freis in der 92. Minute mit 2:3 beim KSC verloren hatte, dachte nicht im Traum an Flucht. Er verschränkte vielmehr die Arme vor der Brust und zettelte bewusst und freiwillig eine Grundsatzdiskussion an, die in seiner Erkenntnis gipfelte: „Wir sind kein Spitzenteam.“ Er erweckte gar den Eindruck, zwar einigermaßen sauer zu sein, aber nicht im Mindesten überrascht. „Das geht seit Jahren hier so“, sagte Jol und lieferte versteckte Hinweise für die Gründe. Man müsse neuen Leuten Fehler zugestehen, sagte er. „Wir können es offenbar nicht schaffen, manche Abgänge oder Verletzungen wegzustecken“. Er holte weit aus, erwähnte Rafael van der Vaart, der inzwischen bei Real Madrid spielt, Vincent Kompany und Nigel de Jong (beide Manchester City), den verletzten Verteidiger Bastian Reinhardt und den gesperrten Angreifer Ivica Olic. Veränderungen, die trotz kräftiger Transfereinnahmen am Ende eher zur Unruhe beigetragen haben, eine konstante Entwicklung verhindern und zum Beweis dienen, dass der HSV mitnichten so gut wie etwa Bayern München besetzt sei.

Bei den Hamburgern nahm man die Pleite erstaunlich gelassen, Manager Dietmar Beiersdorfer wollte die erfolglose Dienstreise nicht als großes Drama sehen: „Wir waren einfach nicht so drauf wie gegen die Bayern.“ Beiersdorfer gestand auch dem aus Nantes gekommenen Neueinkauf Michael Gravgaard Fehler zu, wobei der allerdings an allen drei Toren des KSC beteiligt war und den Eindruck einer mittelmäßigen Ersatzkraft machte. Vor dem 1:2 trat der Däne im eigenen Strafraum über den Ball, den Schuss zum 2:2 fälschte er unhaltbar für Torhüter Frank Rost ab. Und kurz vor Schluss verschuldete er einen unnötigen Freistoß, der dem KSC die Flanke zum Siegtreffer ermöglichte.

Dabei hatten wohl die meisten der 28 386 Besucher kaum damit gerechnet, dass die Sieger am Ende weiße Trikots tragen würden. Während Jol und Beiersdorfer fast behutsam eigene Führungskräfte wie den Nationalspieler Piotr Trochowski für deren zu lasche Einstellung kritisierten, feierte man beim KSC eine Art Wiederauferstehung. Manager Rolf Dohmen fegte nach dem Siegtreffer wie entfesselt über den Platz – als sei der Klassenerhalt schon geschafft. Nun glaubt man im Wildpark wieder an eine neue Chance, es doch noch zu schaffen. „Dazu aber müssen wir mal Mannschaften schlagen, die sich mit uns auf Augenhöhe befinden“, sagte KSC-Trainer Edmund Becker. Im Gegensatz zu den Hamburgern werden andere Abstiegskandidaten die Karlsruher kaum unterschätzen. Gegen den HSV seien in der Pause die ersten Gedanken aufgekommen, „dass die die Sache nicht ganz so ernst nehmen“, sagte Becker.

Nach dem 2:0 durch Collin Benjamin schienen viele HSV-Spieler die Partie tatsächlich schon abgehakt zu haben. Schon das 1:0 nach sieben Minuten durch Paolo Guerrero war nach einem derart lockeren Spaziergang der Hamburger gefallen, dass die Hanseaten sich nicht völlig grundlos in Sicherheit wähnten. Auch das 1:2 des KSC durch Freis, nur eine Minute nach dem 0:2, löste noch keine Alarmstimmung beim HSV aus. Und als die Karlsruher nach dem Ausgleich neues Selbstbewusstsein gefunden hatten und in der Schlussphase auf den Siegtreffer drängten, war es für die Hamburger zu spät, um noch den Beweis antreten zu können, vielleicht doch ein Spitzenteam zu sein.

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