Sport : SC Charlottenburg: Vor dem Braten ein Sieg

Helen Ruwald

Der heftigste Angriff begann, als das Spiel zu Ende war. Gegen die Volleyballer von Iraklis Thessaloniki hatte sich der deutsche Vizemeister SC Charlottenburg am Mittwochabend erfolgreich zur Wehr gesetzt. Selbst die überragenden Slowaken Andrej Kravarik und Richard Nemec, 2,04 Meter und 2,06 Meter groß, konnten so weit gebremst werden, dass die Charlottenburger das Champions-League-Spiel mit 3:2 (25:20, 19:25, 25:19, 23:25, 15:9) für sich entschieden. Doch die Truppe, die dann auf dem Feld der Sömmeringhalle auftauchte, war zahlenmäßig so übermächtig, dass die Gastgeber keine Chance hatten. Überall waren Kinder, johlend belagerten sie die Volleyballer. Außenangreifer Jan Günther setzte seine Unterschrift sogar mit Filzstift auf Unterarme, weil nicht alle der kleinen Fans Papier dabei hatten.

Freikarten hatte der SCC an Vereine und Schulen verteilt, um stimmgewaltige Unterstützung zu bekommen. Prompt gelang vor 1500 Zuschauern im dritten Champions-League-Spiel der erste Sieg. Die Mannschaft liegt in der Gruppe A auf dem dritten Tabellenplatz und hat sich die Chance bewahrt, als einer der beiden Erstplatzierten ins Viertelfinale einzuziehen. Favoriten sind allerdings der ungeschlagene Tabellenführer Arcelik Istanbul und Ford B Gesu Rom.

In Rom hatte der SCC vor einer Woche schon stark gespielt, aber trotz zahlreicher Satzbälle 0:3 verloren. Dass es am Mittwoch besser lief, lag auch an einem Mann: Kapitän Marco Liefke. Der 26-Jährige, in der Bundesliga der erfolgreichste Angreifer, war erneut der Mann, der die meisten Punkte holte: 34 insgesamt. SCC-Manager Kaweh Niroomand attestierte ihm eine "überragende Leistung". In Italien hatte er wegen einer Magen-Darm-Infektion gefehlt. Statt seinen Einsatz mit Medikamenten zu erzwingen, legte er sich drei Tage ins Bett - um danach so präzise wie eh und je die Bälle ins gegnerische Feld zu knallen. Mit Mittelblocker Oliver Heitmann, der seine Rückenprobleme überwunden hat, kam auch ein anderer Routinier zumindest phasenweise zum Einsatz.

Möglicherweise war die starke Leistung gegen Thessaloniki der Umschwung für den zuletzt ungewohnt erfolglosen SCC. Zuletzt hatte er am 12. November in Düren gewonnen. Danach steckten die Berliner fünf Niederlagen in Serie ein. Sie verloren in der Bundesliga in Dachau und Wuppertal, flogen gegen Mendig aus dem DVV-Pokal und unterlagen in der Champions League zweimal mit 0:3. Heitmanns häufiger verletzungsbedingter Ausfall und der Wechsel von Nationalspieler Stefan Hübner nach Italien nach der letzten Saison sind durch Nachwuchsspieler wie Sven Glinker (19) und Norbert Walter (21) noch nicht dauerhaft zu kompensieren. Die Konstanz fehlt, der SCC nimmt in der Bundesliga derzeit nicht die Sonderrolle wie in der letzten Saison ein.

Die Berliner liegen zwar hinter dem ungeschlagenen VfB Friedrichshafen auf Platz zwei. Doch der Tabellenplatz täuscht, das Feld ist dicht beisammen. Der SCC hat 12:6 Punkte - dahinter liegen fünf Teams mit 10:8 Zählern. Erste Gegner nach der Weihnachtspause sind Aufsteiger Unterhaching, der sieglose Tabellenletzte Moers und der abgeschlagene Drittletzte Leipzig. Eine gute Chance, den zweiten Platz zu festigen. Ende Dezember nimmt der SCC an einem Turnier in Holland teil. Dort, sagt Liefke, geht es allerdings nicht um großen Sport, sondern darum, "den Weihnachtsbraten zu verdauen".

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