Sport : SC Charlottenburg: Zur Sonne, ans Meer

Karsten Doneck

Er stand vor der Wahl. Entweder abgasgeschwängerte Großstadtluft oder eine sanfte Meeresbrise. Entweder unbeständiges, oft regnerisch-kühles Wetter oder Sonne satt. Der Volleyballer Wolfgang Kuck hat sich entschieden. Er schmettert künftig in mildem Klima nahe dem Mittelmeer die Bälle übers Netz. Kucks Wechsel von Bayer Wuppertal nach Montpellier in Frankreich zog eine Kettenreaktion nach sich - und zwar an einem dritten Ort, nämlich in Berlin.

Volleyball-Bundesligist SC Charlottenburg hatte sich heftigst um Kucks Dienste für die nächste Saison bemüht. Das Angebot, das der SCC dem besten Annahmespieler Deutschlands unterbreitete, streifte bereits die finanzielle Schmerzgrenze des Klubs. Kuck aber blieb eisern. "Da war nichts zu machen, der wollte Sonne und irgendwo ans Meer", sagt Kaweh Niroomand, der SCC-Manager. Und da den Charlottenburgern aus den eigenen Reihen zuvor schon Stefan Hübner, wie Kuck eine tragende Säule der Nationalmannschaft, zum italienischen Zweitligisten Pallavolo Loreto davongelaufen war, stand plötzlich das ganze Konzept des Klubs auf wackligen Beinen. Der SCC beschäftigt ausschließlich deutsche Spieler und versteht sich mit Unterstützung des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) als Sammelbecken und Förderer der Nationalmannschaft.

In diesem Sammelbecken klafften plötzlich Risse. Und dann machte auch noch der Sponsor, die Fluggesellschaft Germania, einen Rückzieher. Über die Gründe des Absprungs gibt es nur Mutmaßungen. Zum Beispiel diese: Einen SCC, der vom VfB Friedrichshafen im Finale um die Deutsche Meisterschaft drei Mal mit 0:3 kräftig abgewatscht wurde, den wolle man nicht mehr unterstützen, wenn er denn - statt sich mit Wolfgang Kuck zu verstärken - durch den Fortgang von Stefan Hübner auch noch geschwächt werde. "Ich will das jetzt gar nicht kommentieren. Die Germania hat uns zwei Jahre lang geholfen, dafür sind wir dankbar", sagt Niroomand.

Um so mehr Dampf dringt nun aus der Gerüchteküche. Von dort kommt die Kunde, dass der Sponsor den bisherigen Betrag von 250 000 Mark pro Saison sogar um mehr als das Doppelte aufgestockt hätte, wenn es dem SCC gelungen wäre, Hübner zu halten und Kuck zu holen. Unerfüllbare Vorgaben. Es heißt auch, die Germania wolle sich weiter finanziell im Volleyball engagieren. Die Vermutung liegt nahe, DVV-Präsident Werner von Moltke, über den Auftritt des SCC im Finale gegen Friedrichshafen schwer enttäuscht, habe den Sponsor für seine Lieblingsidee begeistern können. Von Moltke würde die deutsche Herren-Nationalmannschaft allzu gerne in die Weltliga zurückführen, braucht dafür aber mehr als nur Kleingeld. Die Germania soll nun als Finanzier einspringen.

Und der SCC leidet: kein Hübner, kein Kuck und obendrein noch eine Viertelmillion weniger in der Kasse. Fast trotzig stellt Kaweh Niroomand fest: "Wir halten an unserem Konzept fest." Seine Hoffnungen beruhen auch darauf, dass die von SCC-Trainer Brian Watson behutsam aufgebauten Nachwuchsspieler ihr Talent langsam in Klasse umsetzen. "Ein Norbert Walter", verkündet Niroomand, "wird bald so weit sein wie Stefan Hübner, und Sven Glinker kann bei uns die Position von Kuck auch ausfüllen." Eine kühne Prognose.

Der SCC spielt in der nächsten Saison auch in der Europaliga. Das verspricht Fernsehpräsenz. Der SFB hat großzügig Übertragungszeiten zugesichert. Die Charlottenburger bekommen damit Gelegenheit, zur Popularitätssteigerung des ein Schattendasein fristenden Volleyballsports beizutragen. Der Effekt könnte sich aber schnell ins Gegenteil verkehren. Die Mannschaft scheint, ohne Verstärkung, gegen die renommierten Gruppengegner Rom Volley, Arcelik Istanbul und Iraklis Thessaloniki kaum konkurrenzfähig. Einseitige Spiele mit deutlichen Niederlagen bergen jedoch meist wenig Reiz.

Der SCC weiß um dieses Dilemma. Und sinnt über Auswege nach. "Ich schließe nicht aus, dass wir noch einen starken ausländischen Spieler verpflichten", kündigt Niroomand leichte Abweichungen vom bisherigen Kurs an. Abhängig ist ein solcher Transfer jedoch davon, ob sich ein neuer Geldgeber findet. "Es gibt da ein paar Silberstreifen", so Niroomand.

Und vielleicht lässt sich ja auch noch ein guter Volleyballprofi finden, der in Berlin mit weniger Sonne auskommt und dem der Anblick des Wannsees Freude bereitet.

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