SC Freiburg : "Es kann nur einen geben"

"Wir sind Finke", schallte es in Freiburg noch vor Monatsfrist von den Rängen. Doch der Alte ist weg. Wer sind "wir" nun? Vielleicht weiß es der Neue: Wir sprachen mit Robin Dutt über sein schweres Erbe, Vaterfiguren und "Wir sind Dutt"-T-Shirts.

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Dutt
Kritischer Blick: Dutts erstes Training in Freiburg. -Foto: dpa

Herr Dutt, Ihre Stationen als Spieler lagen ausschließlich in den Niederungen des Amateurbereichs, zum Beispiel bei der SpVgg Hirschlanden, dem TSV Korntal und dem TSV Münchingen. Warum hat es nicht zu mehr gereicht?



Ich war offensiver Mittelfeldspieler, manchmal auch Stürmer. Die Technik und die Torquote waren zwar recht ordentlich. Aber ich war zu langsam. Da ich über eine ganz gute Selbsteinschätzung verfüge, war mir relativ früh klar, dass es für den Profibereich nicht reichen würde.

Von Leonberg gingen Sie zu Ditzingen II, rückten in die erste Mannschaft auf, wurden zur Reserve der Stuttgarter Reserve geholt und 2003 schließlich zum Cheftrainer befördert. Das ist ein sachter, aber stetiger Aufstieg.

Ja, aber einen Karriereplan gab es nie, auch heute nicht. Für Trainerverhältnisse habe ich bei all meinen Stationen sehr lange gearbeitet. Ich habe mir immer sehr schwer vorstellen können, einen Verein zu verlassen. Wie gesagt: Ich war und bin immer ganz in der Gegenwart.

Konnten Sie von den ersten Engagements als Trainer überhaupt leben?

Nein, zuerst nicht. In Ditzingen reichte es dann zu einem bescheidenen Leben. Aber ich habe meine Entscheidungen ohnehin nie unter finanziellen Gesichtspunkten getroffen.

Haben Sie, als Sie Cheftrainer bei den Kickers wurden, gespürt, dass Ihnen die Erfahrung als Aktiver auf hohem Niveau fehlt?

Überhaupt nicht. Wenn man seinen Spielern zum zweiten Mal erzählt, dass man vor 25 Jahren das entscheidende Tor im Europapokal-Finale geschossen hat, dann wird’s langweilig (lacht). Die Burschen sind Anfang 20, damals waren sie noch nicht mal auf der Welt. Natürlich hilft es, wenn man schon als Aktiver eine Situation erlebt hat, der man sich als Trainer dann noch einmal stellen muss. Aber wenn einem das fachliche Rüstzeug fehlt, wird man als Trainer gar nicht erst wieder in ein Finale kommen. Man muss seine Spieler vielmehr argumentativ begeistern – und sich nur punktuell, wenn gewisse Spielregeln der Umgangsformen verletzt werden, autoritär verhalten.

Was hat der Trainer Dutt dem Spieler Dutt voraus?

Das zu erklären würde mich der Gefahr des Eigenlobs aussetzen. Nur soviel: Es reicht heute nicht mehr, ein guter Spieler gewesen zu sein. Der Beruf hat sehr viele Facetten: Psychologie, Pädagogik, Trainingslehre, Öffentlichkeitsarbeit und vieles mehr. Ich denke, dass ich das meiste davon recht gut beherrsche.

Welcher Trainer hat Sie darin geprägt?

Ich hatte kein Vorbild. Auch heute beziehe ich mich auf keinen anderen Trainer. Es ist ohnehin schwer, die Arbeit von Kollegen zu beurteilen. Es gibt nur einige Dinge, die ich aus der Außenperspektive sympathisch finde, etwa bei Hans Meyer oder aktuell auch bei Armin Veh.

Heute fordern Sie Ihre Spieler schon mal zum „Kratzen, Beißen, Spucken“ auf. Ist das die harte Schule, durch die Sie in den unteren Ligen gegangen sind?

Also, das ist ein Statement, mit dem ich in den letzten Wochen immer wieder konfrontiert werde. Das entspricht meiner eigentlichen Philosophie aber nicht im Geringsten. Deshalb will ich das hier mal erläutern. Ich habe das in meiner allerersten Zeit bei den Stuttgarter Kickers als Motto ausgegeben. Damals standen die Kickers im Tabellenkeller, und ich fand eine mannschaftliche Struktur vor, die alles andere als optimal war – vor allem, was die Mentalität anbelangte. Es ging um das nackte Überleben des Vereins.

„Kratzen, Beißen, Spucken“ waren also durchaus angebracht.

Natürlich nur im übertragenen Sinne. Gemeint war vor allem Leidenschaft und Einsatzwillen. Doch sobald wir den Klassenerhalt geschafft hatten und eine neue Mannschaft aufbauen konnten, haben wir einen sehr modernen Fußball gespielt, waren bekannt für ein sehr schnelles Kurzpassspiel. Auch die Nachwuchsförderung bei den Kickers ist heute vorbildlich. Die Kickers haben sich mit einem sehr geringen Etat in der Regionalliga gehalten. In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal nach langer Zeit keine Auflagen bei der Lizenzvergabe bekommen. Das ist ein großer Erfolg.

Bei allem Respekt für Ihre Leistung: Hat es Sie selbst ein wenig verwundert, als im September letzten Jahres Hannover 96 anfragte, ob Sie der Nachfolger von Peter Neururer werden möchten?

Ja, natürlich! Hannover war damals Tabellenletzter. Dass die Vereinsführung in dieser Situation den Mut hatte, nicht einen großen Namen, sondern mit meiner Person ein Konzept holen zu wollen - das hat mich sehr erstaunt.

Waren Sie sich bewusst, dass Sie als Finke-Nachfolger in Freiburg ein schweres Erbe antreten würden?

Es gab keinen Grund, der gegen den SC Freiburg sprach. Ich war nur eben sehr verwurzelt bei den Kickers und hätte ihre Entwicklung auch gern weiter begleitet. Insofern gab es ein sofortiges Ja zu Freiburg, aber kein sofortiges Nein zu den Kickers. Aber nach einiger Zeit war dann schon klar: Jawoll, das mach’ ich!

Im März sagten Sie in einem Interview mit der „Badischen Zeitung“, die Diskussion um die Trennung von Finke laufe „sehr sachlich“ ab. Würden Sie das heute auch noch so ausdrücken?

Noch einmal: Das wäre eine Bewertung, die ich nicht treffen möchte. Ich weiß nicht, wer was gesagt oder nicht gesagt hat – und es interessiert mich auch nicht. Mich interessiert die Gegenwart des SC Freiburg – und welche Potenziale sich daraus für die Zukunft ergeben.

Volker Finke hat bei seinem Abschied seinem Wunsch Ausdruck verliehen, dass sein Nachfolger nicht versuchen möge, sich den Strategien anderer Vereine anzunähern, sondern die Eigenheiten des SC Freiburg bewahren solle. Sind Sie Finkes Nachlassverwalter?

Die Rede habe ich gehört, das Wort „Nachfolger“ ist nicht gefallen. Es war eine der Bedingungen an mich als Trainer, dass ich den eingeschlagenen Weg weiter beschreite. Ich habe in Stuttgart – unter den Regionalliga-Umständen – schon ähnlich gearbeitet. Man ist vermutlich nicht von Ungefähr auf mich gekommen.

Die Philosophie Finkes war allumfassend. Sie ging von der Mannschaftszusammensetzung bis hin zur Solarzelle auf dem Stadiondach. Können und wollen Sie sich auch auf diese Weise engagieren?

Mir ist nicht gesagt worden, dass ich mich um die Solarzellen kümmern soll. Und ich glaube, von mir erwartet auch niemand, dass ich aufs Stadiondach steige (lacht). Die sportliche Entwicklung jedoch, die Nachwuchsarbeit, der Lizenzspielerkader, die Präsentation des Vereins in der Öffentlichkeit – das sind meine Aufgaben als Trainer.

Volker Finke hingegen stand nicht nur auf dem Stadiondach, er war beinah allgegenwärtig. Sein Einfluss in Freiburg war geradezu politisch, und von vielen ist seine Machtfülle als erdrückend empfunden worden. Hoffen Sie, dass Ihre rein sportliche Herangehensweise als Wohltat empfunden wird?

Ich werde in Freiburg das tun, was ich immer tue: kommunizieren. Alles Weitere wird sich erweisen.

Von den erhitzten Gemütern wird Ihre Unerfahrenheit im Profibereich ins Feld geführt, sogar Ihre schwäbische Herkunft, die so gar nicht nach Südbaden passe. Macht Sie das wütend?

Ich habe Erfahrungen mit solchen Mechanismen. Wütend machen mich solche Ressentiments also nicht.

Achim Trenkle von der Fan-Initiative „Wir sind Finke“ hat gesagt: „Dutt muss nur beweisen, dass auch ein anderes Konzept als die Finke-Philosophie funktioniert.“ Das klingt mehr nach Bringschuld als nach einer Chance für einen jungen Trainer wie Sie.

Zum Teil gebe ich Herrn Trenkle Recht: Natürlich müssen wir beweisen, dass mein Team und ich für Freiburg die richtigen Leute sind. Ich möchte ihm aber in dem Punkt widersprechen, dass ein anderes Konzept funktionieren muss. Wir sind bereit, auf der vorhandenen Basis weiterzuarbeiten.

Haben Sie auch schon das Gespräch mit Volker Finke gesucht?

Ja, wir haben ein langes Gespräch geführt. Ich habe den großen Vorteil, dass ich seinen Trainerstab – mit Ausnahme von Achim Sarstedt – übernehmen werde. Von dieser Kontinuität werden wir alle profitieren.

Präsident Achim Stocker sagte, wohl geschwächt von dem Machtkampf mit Finke: „Nie wieder wird ein Trainer unter meiner Führung beim SC Freiburg solche Kompetenzen erhalten.“

Als Trainer habe ich bestimmte Erwartungen an meinen Kompetenzbereich. Ich will entscheiden, welche Spieler ich hole, wie ich spielen und trainieren lasse, mit wem ich zusammenarbeite. Und diese Erwartungen sind in Freiburg erfüllt. Mir fehlt nichts zu meinem Glück.

Volker Finke traf die meisten Entscheidungen im Alleingang. Sehen Sie die Gefahr, dass all diejenigen, die unter ihm nichts mehr zu sagen hatten, jetzt mitreden wollen – und so Ihre Kompetenzen untergraben?

Ich weiß nicht, wer in der Vergangenheit mitreden durfte und wer nicht. Meine Tür steht immer offen – für jeden. Ein Trainer muss bereit sein, sich Argumente anzuhören. Wir sind im Zeitalter der Kommunikation. Ich habe mich bei den Stuttgarter Kickers auch nie über eine Mehrheit hinweggesetzt. Undemokratische Verhältnisse wird es bei mir nie geben – was den Entscheidungsprozess betrifft. Aber was die endgültige Entscheidung anbelangt, ob z. B. ein Spieler geholt wird oder nicht, da kann es aus sportlicher Sicht nur einen geben: den Trainer. Und der bin ich.

Was ist Ihre Zielsetzung für die kommende Saison? Der von Präsident Stocker geforderte Mittelfeldrang dürfte Sie wohl kaum befriedigen.

Ich finde es sehr sympathisch, dass Herr Stocker versucht hat, mir den Druck zu nehmen. Ich selbst denke, dass Freiburg ein Verein ist, in dem man nicht nur über die tatsächlichen Ziele, sondern auch über die Art und Weise, wie man diese Ziele erreicht, sprechen darf. Der SC Freiburg war und muss ein ganz besonderer Verein bleiben. Und wenn unsere Vorstellung von dem Fußball, den wir spielen wollen, Wirklichkeit wird, dann wird auch der Tabellenplatz zufrieden stellend sein.

Sind Sie erleichtert, dass der SC nicht aufgestiegen ist? Schließlich wäre Finke dann erst recht zum Heiligen ernannt worden, und Sie hätten unter umso größerer Beobachtung gestanden.

Das ist doch eine rhetorische Frage von Ihnen! Erstens: Volker Finke und seine Mannschaft hätten den Aufstieg verdient gehabt. Und zweitens empfinde ich keinen Unterschied zwischen dem Ziel, in der ersten Liga die Klasse zu erhalten, und dem Ziel, in der zweiten Liga einen Aufstiegsplatz zu erreichen.

Antar, Iashvili und Diarra haben den SC verlassen, 2008 laufen weitere Verträge aus. Erschwerte Bedingungen in einer ohnehin schweren Situation.

Es wurde gesagt, die Mannschaft falle auseinander. Bisher kann ich das nicht sehen. Sie haben drei Abgänge genannt – und Diarra war nicht einmal Stammspieler. Vielleicht werden wir noch den einen oder anderen Abgang haben. Damit muss jeder Trainer leben. Wir werden versuchen, die im nächsten Jahr auslaufenden Verträge zu verlängern. Ich vermute, in etwa 70 % der Fälle wird uns das auch gelingen. Ich kann also auch den Umbruch, der von vielen heraufbeschworen wird, nicht erkennen. Andere Vereine haben einen wesentlich größeren Umbruch zu bewältigen.

Der Verdacht, dass viele Spieler den Verein verlassen würden, speist sich aus der hohen Identifikation dieser Spieler mit Volker Finke. Wie wollen Sie die Lücke schließen, die der Abgang der Vaterfigur gerissen hat?

Eine emotionale Bindung entsteht automatisch, wenn man Tag für Tag zusammenarbeitet. Zu manchen Spielern ist die Verbindung sehr eng, zu manchen weniger eng. Das Besondere bei Volker Finke war, dass er so lange bei einem Verein gearbeitet hat. Unter den Spielern waren aber tatsächlich nur einige wenige, die länger als drei Jahre im Verein waren.

Was das Verhältnis zu den Fans betrifft: Ist es ein heimlicher Traum von Ihnen, dass an der Dreisam eines Tages „Wir sind Dutt“-Trikots getragen werden?

Ich werde mich bemühen, das Richtige zu tun und Anerkennung zu finden. Das möchte jeder Mensch und im Besonderen wir Trainer. Das ist in der Bundesliga nicht anders als in der Kreisliga. Dennoch wäre es mir lieber, wenn das Team im Vordergrund steht – und nicht ich als Einzelperson.

Befürchten Sie, dass Ihre Arbeit nicht dieselbe Wertschätzung erhält wie die Arbeit Volker Finkes?

Nein, ich bin frohen Mutes. Wenn ich mir eine Situation und einen Verein aussuchen könnte, dann wäre es der SC Freiburg.

(Das Interview führte Dirk Gieselmann, 11Freunde.de

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