SC Paderborn : Mit Ingenieur und Malzbier

In Paderborn gibt es keine große Fußballtradition, dafür aber eine Menge Mut. Der SC Paderborn hat in diesem Jahr sogar die Chance zum Aufstieg in die 1. Bundesliga - mit dem kleinsten Etat der Liga.

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Maschinenbauer im Maschinenraum. Im Plan von Trainer Roger Schmidt geht es immer um den Torabschluss.
Maschinenbauer im Maschinenraum. Im Plan von Trainer Roger Schmidt geht es immer um den Torabschluss.Foto: dapd

Ein Möbelhaus im Paderborner Gewerbegebiet. Vater, Mutter und Kind diskutieren, wann sie für das nächste Erlebnis-Einrichten hierher kommen können. „Kann sein, dass die da spielen“, grätscht der Vater in die Planungen, „is' noch nicht terminiert.“ Die, das sind die Fußballer des SC Paderborn, die derzeit um den Aufstieg in die Bundesliga spielen. Ein Erlebnis, mit dem sich die einheimischen Familien noch einrichten müssen.

Das freut und ärgert Wilfried Finke. Der Unternehmer – stämmig, gebräunt, silberner Scheitel – ist Eigentümer vieler Einrichtungshäuser wie diesem hier. Seit mehr als 15 Jahren ist er auch Hauptsponsor und Präsident des SC Paderborn. Zwei Etagen über der Familiendiskussion sitzt der 60-Jährige in einem unendlich langen Büro an einem unendlich langen Schreibtisch, über den alle Entscheidungen von Firma und Verein laufen. Aus dem Fenster blickt er über einen Parkplatz hinweg auf etwas, das in seiner Fertigbauweise aussieht wie ein zweites Möbelhaus. „Es gibt Leute, die meinen, ich hätte das Stadion da hingesetzt, um mein Möbelhaus attraktiver zu machen“, sagt er mit sonorer westfälischer Stimme. Dabei habe er die Stadtverwaltung nur auf dieses Stück Land hingewiesen, „provozierter Zufall“, sagt Finke. Hinter ihm hängt eine goldene Ehrenurkunde der Stadt. Außerdem gäbe es auch Schattenseiten. Fans und Einkäufer nähmen sich gegenseitig Parkplätze weg, „je nachdem, wer gerade das attraktivere Angebot bietet“, sagt Finke.

Im Moment liegt der Verein knapp vor dem Möbelhaus. Die Mannschaft mit dem kleinsten Etat der Zweiten Liga steht vor dem Spitzenspiel in Fürth auf Platz drei. Bei einem Sieg wäre Paderborn über Nacht erstmals Spitzenreiter in Liga zwei. Und das mit einer Mannschaft, die vor der Saison in einer Umfrage als erster Absteiger getippt wurde.

Die Gründe für den Erfolg sind wie der Parkplatz, sie liegen zwischen Möbelhaus und Stadion. In der Arena ist die Stimmung gut, die Mannschaft trainiert hier, weil das Trainingsgelände wieder einmal gefroren ist. Es wird viel gelacht, auch über die Entwicklungen auf dem Wettmarkt. „Jetzt würdest du nur noch fünf Euro für unseren Aufstieg bekommen, vor der Saison waren es 100“, sagt einer.

Die Umfrage, die Paderborn als ersten Absteiger nannte, hängt noch immer in der Kabine. Sie nehmen ihre Außenseiterrolle als Ansporn, aber auch mit Humor. Kapitän Markus Krösche geht nach dem Training an den Kühlschrank und ruft: „Wir haben jetzt Malzbier? Der Erfolg zahlt sich aus!“ Der 31-Jährige weiß, wo der Verein herkommt. Krösche hat 2001 in der Regionalliga vor 600 Leuten gespielt, nun sind es über 8000, was immer noch der drittschlechteste Schnitt der Liga ist. „Paderborn ist eine Sportstadt, aber eher für Breitensport. Affinität zu Fußball gibt es erst seit unserem ersten Zweitligajahr 2005“, sagt Krösche, der mit seinem T-Shirt auch eher aussieht wie ein Sportstudent oder Skateboarder. In der 140.000-Einwohner-Stadt gab es einen Basketball-Bundesligisten, einen Baseball-Serienmeister, eine Squash- WM. Aber Menschen mit Fußballschals oder Fankneipen sucht man vergebens. „Wir haben jetzt eine kleine Fankultur gekriegt, das ist enorm für einen Verein, der gefühlte 100 Fusionen hinter sich hat“, sagt Krösche. Unter seinem jetzigen Namen gibt es den Klub erst seit 1997. Und Ostwestfalen seien eben nicht so schnell bei der Sache mit ihren Emotionen.

Dafür sei der Zusammenhalt im Team seit Jahren umso enger. Und dann der Trainer, „der passt menschlich zu uns“, sagt Krösche und nimmt einen Schluck Malzbier. Der Trainer, Roger Schmidt, sitzt nach dem Training und einer Stuhlkreis-Pressekonferenz vor drei Journalisten mit Trainingsanzug, Badelatschen und gekletschen Haaren in seinem Büro. Schmidt nimmt den „Kicker“ und liest aus der Tabelle vor: beste Abwehr, fünftbester Angriff, beste Auswärtsmannschaft. „Das kann kein Zufall sein“, sagt der 44-Jährige. Er brummelt mehr, als er redet, doch er wird laut, wenn er sein Konzept erklärt. Es lautet Freiheit. „Ich will die Spieler in kein Schema pressen, sondern sie zu Kreativität und freien Entscheidungen ermutigen“, sagt Schmidt. Dafür lässt er ihnen auch neben dem Platz Freiheiten.

Bei seinem Vorgänger André Schubert war der Strafenkatalog lang. Nach einem Testspiel wollte ein Spieler nach seiner Auswechslung eine Currywurst essen. Er traute sich nicht, schickte einen Betreuer zur Bude und aß hinter der Kabine.

Bei Schmidt gab es nicht einmal eine Geldstrafe, als zwei Spieler an einer Discoschlägerei beteiligt waren. Oder als sich einer um sechs Uhr morgens in einer Döner-Bude das Nasenbein brechen ließ. „Ich halte nichts von Strafenkatalogen oder davon, ein Exempel zu statuieren“, sagt Schmidt, „das sind doch junge Menschen, die eine Chance verdient haben, es besser zu machen.“

Diese Chance bekamen einige in Paderborn, wo im Sommer das Budget gekürzt wurde. Auf 4,8 bis 5,3 Millionen, je nach Prämien – Teams wie Frankfurt wenden viermal so viel auf. Trainer Schubert und der beste Torschütze Edmond Kapllani gingen. Stattdessen kamen Schmidt, unbekannte Spieler aus der Regionalliga und Akteure wie Nick Proschwitz. Der Stürmer war in Hoffenheim, Hamburg, Wolfsburg und Hannover nie über die zweite Mannschaft hinausgekommen, bevor Paderborns Manager Michael Born ihn in der Schweiz entdeckte. Nun ist er mit 13 Treffern bester Torjäger der Zweiten Liga.

Dieses Team nach vorne spielen zu lassen, war mutig. „Abwehrschlachten machen mir doch selbst keinen Spaß“, sagt Trainer Schmidt. „Wir denken, bei allem, was wir tun, an den Torabschluss.“ Die Courage, auch unter Ergebnisdruck nicht von seiner Spielidee abzuweichen, hängt damit zusammen, dass der studierte Maschinenbauer zwischen Spieler- und Trainerkarriere acht Jahre als Ingenieur arbeitete. Schmidt sagt: „Ich hätte auch ohne Fußball keine Existenzangst.“

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