Sport : Schach dem eigenen Image

Trainer Felix Magath verabschiedet sich beim VfB Stuttgart von seinem schwarz-weiß karierten Weltbild

Wolfram Eilenberger

E s ist keine 18 Monate her, der VfB Stuttgart war dem Abstieg gerade glücklichst entkommen, da lauerten sie zur neuen Saison bereits druckfertig in Deutschlands Sportredaktionen: mitleidlose Nachrufe auf den Bundesligatrainer Felix Magath.

Zu klar schien sein bisheriges Muster, zu absehbar ein erneutes und damit endgültiges Scheitern. Wie schon in Bremen, Nürnberg und Frankfurt würde der Rauswurf des als Retter geschätzten Magath auch in Stuttgart höchstens bis zur Winterpause auf sich warten lassen. Wir trauerten zu früh.

Während es heute nicht zuletzt Journalisten sind, die ihrem eigenen beruflichen Nachruf ins Auge sehen, sonnt sich der Trainer der Überraschungsmannschaft VfB Stuttgart derzeit im Schein von Adjektiven wie „jung“, „wild“ und „hoffnungsvoll“, Wörtern also, die vormals weder mit Magath noch dem VfB scherzfrei in Verbindung gebracht werden konnten.

Magath scheint es tatsächlich gelungen, sich von dem fatalen Wiederholungsmuster, das er als Übungsleiter war, erfolgreich zu distanzieren; eine seltene und rätselhafte Leistung, an welcher neben geschassten Fußballtrainern bekanntlich auch der Rest der Menschheit regelmäßig zu scheitern pflegt.

Es war allerdings bitter nötig, denn der alte Magath war in der Tat ein einziges Missverständnis. Da wäre zunächst jener Abgrund, der sich zwischen seiner kreativen Ausrichtung als Spieler und seinem rein reaktiven Ansatz als Trainer auftat. In großen HSV-Zeiten setzte Magath die Fußballwelt noch durch die Originalität seiner Ideen in Erstaunen. Wie kein Zweiter konnte er eine Partie lesen und erfolgreich gestalten. Blickte man aber auf seine Ergebnisse als Übungsleiter, so zeigte sich seine Karriere als Abfolge hoffnungsloser und ärgerlich anzusehender Unentschieden, die ihm schon bald den Ruf eines vorsichtigen, unergründlichen und trockenen Trainers eintrugen.

Magath, das ist bekannt, liebt Schach. Und auch als Fußballtrainer scheint er sich stets nach den klaren Gliederungen und den analytisch überschaubaren Risiken des königlichen Spiels gesehnt zu haben. In diesem Streben nach Kontrolle und Struktur lag auch der Grund seiner einzig verbürgten Qualität, der des Retters. Magaths Sehnsucht nach einem schwarz- weiß karierten Weltbild zeigte sich dabei nicht zuletzt im herrischen Umgang mit seinen Spielern.

Hart und ausdauernd trainieren zu lassen ist eine Sache. Aber von Magath immer wieder ernsthaft an die Öffentlichkeit getragene Sätze wie „einem Spieler, der so viel verdient, darf ein solcher Abwehrfehler nicht unterlaufen“, oder „dass er den Ball hat, muss ich bei dieser Bezahlung einfach verlangen können“ ließen auf mindestens drei fundamentale Missverständnisse schließen.

Denn nicht die Spieler, nur ihre Verträge sind besser geworden. Magath hatte also – im krassen Gegensatz zu seinen Profis – den bedeuteten Unterschied zwischen Qualität und Professionalität nicht ausreichend verinnerlicht. Er erwartete so, wie sich nach einigen Monaten vor Ort deutlich zeigte, tatsächlich zu viel und das Falsche von seinen Figuren. Außerdem ist Fußball kein Schach. Dumme Fehler sind ein wesentlicher Teil des Spiels. Auch in einer perfekt durchdachten Partie hätte man mit ihnen zu rechnen. Drittens war Magath einfach nie der harte Hund, der zu sein er vorgab, was sich daran zeigte, dass er diese Vorwürfe vollkommen ernst meinte. Sie hatten bei ihm noch die rührende Qualität eines Appells an das Berufsethos.

Möglicherweise war es, wie Unverbesserliche meinen, schlicht Stuttgarts präsidial bedingter Geldmangel, der Magath vor dem erneuten Scheitern einer Aufgabe bewahrte, die es im Schach so nicht gibt, nämlich die Figuren der Anfangsformation selbst zusammenzustellen. Oder aber es ist ihm, Kinn auf Faust, tatsächlich gelungen, die Gründe seiner immer wiederkehrenden, höchst misslichen Verluststellungen erfolgreich zu analysieren und sich dem unerbittlichen Sog der Wiederholung mit einer für ihn neuen Zugfolge zu entziehen.

In jedem Fall wirkte der schachversessene Magath schon vor diesen Wochen der Siege so befreit und entspannt, als habe er sein eigenes, schweres Rätsel bereits gelöst.

Und gedeckt von den Türmen Bordon und Soldo, zaubert die alte Dame Balakow samt ihrer jungen Springer Hleb und Kuranyi seither derart forsche Kombinationen aufs Feld, dass es einem beim Zusehen glatt die Bobby-Fischer-Gedächtnistränen in die Augen treibt.

Sollte Magath diesem neuen Stil mental wirklich gewachsen sein, werden die längst verfassten Nachrufe wohl noch mehrere Jahre in den Redaktionsschubladen der Nation wesen müssen. Es sei denn, ungleich gewitzter, sie fänden in nur leicht veränderter Notation, als Lobeshymnen just in diesen Tagen doch noch ihren Weg ins Freie.

Der Autor ist Philosoph und berichtet an jedem ersten Sonntag im Montag aus dem Elfenbeinturm.

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