Schach : Dem Gegner eine Wahl lassen: verlieren

Schachweltmeister Wladimir Kramnik zeigt in Dortmund Geduld statt Gewalt und gewinnt das Traditionsturnier zum achten Mal.

Martin Breutigam[Dortm]

DortmundWeltmeister Wladimir Kramnik hat das Traditionsturnier der Dortmunder Schachtage zum achten Mal gewonnen. Dem Russen genügte gestern ein Remis gegen seinen Landsmann Jewgeni Alexejew, um die Konkurrenz auf Distanz zu halten. Kramnik (5 Punkte) führte am Ende uneinholbar, während Peter Leko am Sonntag sieben Stunden lang gegen Shakryar Mamedjarow (Aserbaidschan) um den zweiten Platz kämpfte – vergeblich. Nach dem107. Zug stellte er seine Gewinnbemühungen ein. Durch das Remis wurde Leko mit 4,0 Punkten Dritter hinter dem punktgleichen Alexejew.

Den Sieg gegen Naiditsch, Deutschlands Nummer eins landete am Ende abgeschlagen auf Platz acht (2,0), erarbeitete sich Kramnik in seinem typischen, mit strategischen und taktischen Feinheiten gewürzten Stil (siehe Analyse). Geduld, nicht Gewalt lautet das Erfolgsgeheimnis des 32 Jahre alten Weltmeisters. „Man muss seine Gegner ständig vor die Wahl stellen“, sagt Wladimir Kramnik. Bei der Suche nach dem jeweils besten unter vier, fünf gleichwertigen Zügen, verlören sie Bedenkzeit und mitunter auch die Kontrolle. Tatsächlich beging der bis dahin aufmerksam verteidigende Naiditsch erst im 37. Zug den entscheidenden Fehler.

Kramnik – Naiditsch (6. Runde) 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3 (Seit knapp zwei Jahren Kramniks neue Liebe: die katalanische Eröffnung.) 3...d5 4.Lg2 dxc4 5.Sf3 Sc6 6.Da4 Sd7 7.Dxc4 Sb6 8.Db5 (Früher zog man die Dame gleich nach d3 zurück. Wozu die mit 8.Db5 provozierte Schwächung des Damenflügels nützlich sein kann, zeigt sich bald.) 8...a6 9.Dd3 e5 (Ohne diesen befreienden Trick behielte Weiß Raumvorteil, dank des Bauern d4.) 10.Sxe5 Sb4 11.Dd1 (Bisher galt: Schwarz hat nach 11.Dc3 Dxd4! 12.0–0 Dxc3 13.Sxc3 Ld6 nichts befürchten.) 11...Dxd4 12.Dxd4 (Ein neuer Plan: Kramnik verzichtet auf die Rochade.) 12...Sc2+ 13.Kd1 Sxd4 14.Le3 Sf5 15.Lxb6! (Der tiefere Sinn von 8.Db5 in Verbindung mit 12.Dxd4: Kramnik gibt sein Läuferpaar auf, um die schwarze Bauernstruktur zu entwerten. Stünde der Bauer noch auf a7, könnte Naiditsch bequem mit ...axb6 zurückschlagen.) 15...cxb6 16.Sc3 Lc5 17.e3 0–0 18.Ke2 Te8 19.Sd3 Tb8 20.Thc1! (Kramnik parkt seine Türme nicht schablonenhaft auf den beiden offenen Linien, sondern lässt einen Turm auf der a-Linie.) 20...Le6 21.Ld5 Ld7 22.Se4 Lf8 23.Tc7 Tbd8! 24.Sc3 (Nach 24.Txb7? Lc8 oder 24.Lxb7 Lb5 bekäme Weiß Probleme in der d-Linie.) 24...Sd4+ 25.Kd2 Le6! 26.exd4 (Nicht 26.Lxe6?? Sxe6 27.Txb7 Txd3+! 28.Kxd3 Sc5+.) 26...Lxd5 27.Sxd5 Txd5 28.Txb7 b5 29.a4 (Jetzt zeigt sich, dass es Sinn machte, den Turm auf a1 zu lassen.) 29...Txd4 30.axb5! (Kramnik opfert den Springer und erhält dafür einen gefährlichen Freibauern.) 30...Ted8 31.bxa6 Txd3+ 32.Ke1 Te8+ (Noch kein entscheidender Fehler, obwohl 32...T3d4! zum Remis führte, um den b-Bauern mit 33...Tb4 zu stoppen.) 33.Kf1 Tdd8 34.a7 Ta8 35.b4 Te7 36.Txe7 Lxe7 37.b5 Lc5? (Nur mit 37...Ld8! 38.Ta6 Kf8! ließ sich die Partie retten, denn der Plan Ke7-d7 erzwänge 39.b6 Lxb6 40.Txb6 Txa7.) 38.Tc1! Ld4 (Keinen Unterschied machte 38...Lxa7 39.Ta1, die Drohung b5-b6 hätte entscheidende Kraft, weil Schwarz aufs Grundreihenmatt achten muss.) 39.Tc4 Lxa7 (Oder 39...Lb6 40.Tc6 Lxa7 41.Ta6.) 40.Ta4 Tb8 41.Txa7 Kf8 42.Ta5 (Kramniks Mehrbauer reicht zum Sieg, weil der passive schwarze Turm nicht mehr hinter den Freibauern gelangen kann.) 42...Ke7 43.Ke2 Tb6 (Hoffnungslos wäre auch 43...Kd6 44.Kd3 Kc5 45.Ta7 Tf8 46.Tb7.) 44.Kd3 Td6+ 45.Kc4 Td2 46.b6 Kd6 47.Tb5 Tc2+ 48.Kd4.

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