Schach : Magnus Carlsen: "Ich genieße es, wenn mein Gegner leidet"

Magnus Carlsen übt nur, wenn er Lust hat. Sonst treibt er viel Sport, ließt Comics oder schaut TV-Serien. Nicht die Obsession treibt den begnadeten Schachspieler an, sondern das Spaß-haben-Wollen. Ein Porträt.

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Der 22-jährige Carlsen (l.) beim Match.
Der 22-jährige Carlsen (l.) beim Match.Foto: Reuters

Vielleicht muss man selbst von ihnen heimgesucht worden sein. Von lebensgroßen Läufern, riesigen Türmen und Springern, die wild umhertanzen, Grimassen ziehen und höhnisch lachen. Von Traumbildern, in denen immer derselbe Zug erfolgt, dieselbe Figur auf immer dasselbe Feld gesetzt wird. Aber falsch ist dieser Zug – im Nachhinein so klar falsch, dass sich Zweifel ausbreiten über die Fähigkeiten des eigenen Verstandes. Die Zweifel nagen, quälen, peinigen, zerfressen einen. Wenn der Körper versagt, ist das nicht schön, aber der Geist? Dann das Erwachen, der Schweiß im Nacken und auf der Brust. Die Wut auf sich selbst, die Niedergeschlagenheit.

Jeder Schachspieler hat das schon erlebt. In der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig läuft der inhaftierte Dr. B. in seinem Zimmer auf und ab und spielt in Gedanken, um nicht wahnsinnig zu werden, Schach gegen sich selbst. Seine Person spaltet er in ein „Ich Weiß“ und ein „Ich Schwarz“. Wahnsinnig wird er trotzdem. Jede Partie, die er gewinnt, verliert er auch. Jeder Triumph bedeutet gleichzeitig eine Schmach.

Magnus Carlsen schläft wie ein Kleinkind, tief, fest und lange. Manchmal elf Stunden. Ihm tun die Spieler leid, sagt er, die nachts wach liegen und über ihre Partien grübeln. Carlsen ist eher undiszipliniert. Er übt nur, wenn er Lust hat. Wenn er keine Lust hat, spielt er Basketball, Fußball, Tennis, Tischtennis, Beachvolleyball. Oder er liest Comics. Oder er schaut TV-Serien an. Oder er chattet. Oder er spielt online Poker. Außerdem läuft, klettert und schwimmt er gern. Durchtrainiert ist er, konditionsstark und muskulös. Nicht die Obsession treibt ihn an, sondern das Spaß-haben-Wollen. Das sagt der 22-jährige Norweger immer wieder. Schachspielen macht ihm Spaß. So einfach ist das.

Ist es das wirklich? „Ich genieße es, wenn ich sehe, dass mein Gegner leidet, wenn er weiß, dass ich gewinnen werde“, sagt Carlsen, und: „Wenn ich auch nur ein Spiel verliere, ist es wie Krieg, ich will einfach nur Rache.“ Das ist eine eigentümliche Form von Spaß. Und sie erinnert an die Exzentriker dieses Spiels, an Bobby Fischer zum Beispiel, die Inkarnation des genial-sadistischen Ego- und Monomanen. „Ich sehe gern, wie sie sich winden“, hatte der in jungen Jahren gesagt, und später: „Ich zerbreche das Ich des anderen.“

Nun steht Carlsen kurz davor, Schachweltmeister zu werden. Im Duell der Superhirne gegen den langjährigen Titelträger, den Inder Viswanathan Anand, führt er nach einem weiteren Remis am Dienstag mit fünf zu drei Punkten. Der Wettkampf, ausgetragen in Anands feuchtschwüler Heimatstadt Chennai, ist auf zwölf Begegnungen angesetzt, mit klassischer Bedenkzeit – 2 Stunden pro Spieler für die ersten 40 Züge, 60 Minuten für die nächsten 20 Züge, 15 Minuten für den Rest der Partie zuzüglich 30 Sekunden für jeden Zug. Mit jedem Zug wird das Denken komplexer und die Zeit erdrückender. Dass Anand, der „Tiger von Madras“, den Rückstand aufholt, gilt als unwahrscheinlich. Denn wie schafft man das Wunder gegen ein Wunderkind?

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