Sport : Schach: Nie mehr im Mantel aufs Klo

Martin Breutigam

Noch vor wenigen Jahren fuhren Schach-Mannschaften mit gemischten Gefühlen zu den Spielen beim Lübecker SV. Die ehemalige LSV-Spielstätte in der Stavenstraße gehörte nicht unbedingt zu den vornehmsten Adressen hierzulande. In einem düsteren Raum drängten sich Klein- und Großmeister eng nebeneinander. Und wer zwischen zwei Zügen den Gang zum einzigen Außenklo antreten wollte, musste auf Wartezeiten gefasst sein. An kälteren Tagen empfahl es sich, zum Pinkeln einen Mantel umzuhängen - es gab Orte, an denen Schach mehr Spaß machte.

Mittlerweile hat sich der dezente Schmuddel jedoch verflüchtigt. Der Lübecker SV gilt heute in Sachen Präsentation des Schachsports sogar als Vorbild, und zwar über die Grenzen Deutschlands hinaus. Heutzutage richtet der Traditionsverein, 1873 gegründet und damit ältester Schachklub Schleswig-Holsteins, die Wettkämpfe seiner Bundesliga-Mannschaft in einem Nobelhotel aus. Eine weitere Besonderheit stellen die Live-Übertragungen via Internet dar. Und tatsächlich scheinen Schachliebhaber aus aller Welt wissen zu wollen, was Lübecks Großmeister gerade auf den 64 Feldern planen. Denn der LSV besitzt nicht nur das vermutlich teuerste, sondern auch das beste Vereinsteam der Welt.

Niemand zweifelt daran, dass die Norddeutschen am kommenden Wochenende, wenn sie Werder Bremen und den USC Magdeburg empfangen, Deutscher Meister werden. Vor der letzten Doppelrunde der Saison führt das LSV-Starensemble mit 26:0 Punkten klar die Tabelle an, drei Zähler vor der SG Porz, dem "Abonnements-Meister" aus Köln. Zum ersten Mal in der 21-jährigen Geschichte der einteiligen Bundesliga, dem weltweit spielstärksten Wettbewerb für Vereinsmannschaften, scheint der Titel an einen Nordklub zu gehen. Es wäre ein deutscher Meistertitel, der nahezu ohne deutsche Beteiligung zustande käme. Nur in zwei von Lübecks bisherigen 104 Saisonpartien kam ein deutscher Spieler zum Einsatz. Im 14-köpfigen Kader des LSV stehen elf ausländische Großmeister. Dem Einwand, das führe die Liga ad absurdum, kann Winfried Klimek überhaupt nichts abgewinnen. "Wir sind Europäer, wir haben demnächst eine europäische Währung, wir sind Weltbürger." Klimek, Vorstand des in Lübeck ansässigen Unternehmens "Galaxis technology AG", ist seit 1992 beim LSV der Macher im Hintergrund. Als vor zwei Jahren der Aufstieg in die Erste Liga gelang, wurde der Etat beträchtlich aufgestockt. Beispielsweise zählen die Spitzenspieler Schirow, Adams und Barejew zu den Top Ten der Welt. Darüber hinaus bewegt mit den Großmeistern Adams, Speelman, Hodgson und Nunn nahezu die komplette englische Nationalmannschaft für den LSV die Holzfiguren.

Warum ausgerechnet beim Lübecker SV so viele Ausnahmekönner ins Grübeln kommen? Natürlich geht es nicht zuletzt um unternehmerische Interessen. Gerade für die "Galaxis"-Branche Kommunikations- und Empfangstechnik sei Schach "ein hervorragendes Kommunikationsinstrument, das sich fantastisch fürs Internet eignet." Bei den letzten Wettkämpfen in der Bundesliga hätte es, so Klimek, einige Millionen "page impressions" gegeben, also die Anzahl der Sichtkontakte beliebiger Nutzer jener Web-Seite, auf der unter anderem alle Züge live übertragen werden ( www.chess-online.de ). Allein beim letzten Mal hätten 5000 Zuschauer dauerhaft die Partien im Internet verfolgt, "und das ohne Werbung, wir sind ja noch in der Testphase", so Klimek.

Er glaubt fest an ungeahnte Werbe-Möglichkeiten, die sich letztlich auch für die Bundesliga eröffnen würden, wenn man nur die Ressourcen zu nutzen verstehe. Klimek hat eine Vision: "Was ist, wenn wir mit Schach irgendwann ein Stadion mit 50 000 Zuschauern füllen?" Dem Galaxis-Mann schwebt dabei eine Kulisse im Internet vor, ein imaginäres Schach-Stadion sozusagen. Und in 15 bis 20 Jahren sei ein Internet-Duell zwischen Lübeck und New York womöglich ganz normal. "Die Bundesliga ist schlecht vermarktet und nur durch Mäzenatentum möglich", stellt Klimek fest. "Wir wollen eine technologische Plattform schaffen, um die ganze Liga zu vermarkten." So könnten auch finanzschwächere Klubs künftig bei Heimspielen für noch zu schaffende Internet-Übertragungsrechte die Hand aufhalten.

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