Schach-WM : Anand gegen Kramnik: Der Kampf im Kopf

Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik spielen um die Schach-WM. Kramnik musste zuvor noch einem boxenden Freund gratulieren.

Martin Breutigam

Bonn - Box-Champions sagen, Kämpfe mit ebenbürtigen Gegnern werden eher im Kopf entschieden als mit den Fäusten. Auch wenn die Schach-Champions Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik ab heute in Bonn zwölf Partien um die Weltmeisterschaft spielen, wird es um psychologische Feinheiten gehen. Die 122-jährige Geschichte der WM-Kämpfe zeigt: Schon ein kleines Unwohlsein, ein verpatzter Zug kann ins Verderben führen und das seelische Gleichgewicht für die nachfolgenden Partien stören. Das „Battle of Bonn“, wie sie im US-Internetschachklub ICC die WM nennen, wird wohl auch ein Nervenspiel.

Nicht nur deswegen haben sich die beiden Kontrahenten akribisch vorbereitet. Weltmeister Anand sagt, er habe sich monatelang mit Hunderten von Partien seines Vorgängers befasst. Der Inder wollte vor allem die ungewöhnlich tief durchdachten Eröffnungskonzepte des Russen näher kennen und neutralisieren lernen. Auch Kramnik lobt seinen Kontrahenten: „Er ist ein unglaublich starker praktischer Spieler. Er ist stark darin, Fallen zu stellen und die Spannung zu halten.“ Anand sei enorm trickreich und verstehe es, Druck auszuüben und dann von den Fehlern des Gegners zu profitieren. „Auf diesem Gebiet ist er wahrscheinlich der Beste unserer Zeit.“

Die Wurzeln der beiden könnten kaum unterschiedlicher sein. Kramnik, knapp sechs Jahre jünger als Anand, wurde 1975 in einer kleinen Stadt namens Tuapse am Schwarzen Meer geboren. Zu viert lebten Vater, Mutter, der ältere Bruder und Wladimir in einer 30 Quadratmeter kleinen Wohnung. Schon im Alter von fünf begann er, sich für Schach zu interessieren. Der Vater kaufte ihm ein Buch, zufällig eine Partiensammlung des damaligen Weltmeisters Anatoli Karpow. Diese Wahl sollte Kramniks sauberen strategischen Stil stark beeinflussen. Anand wuchs in der südindischen Millionenstadt Madras (heute Chennai) auf. Seine wohlhabende Familie gehört zur obersten Kaste der Brahmanen. Schach erlernte Anand mit sechs. Bald begann er, es mit einer nie gesehenen Leichtigkeit und Schnelligkeit zu spielen. Früher verbrauchte er selbst gegen Großmeister manchmal nur eine Viertelstunde seiner dreistündigen Bedenkzeit.

Am Sonntag überprüften Anand und Kramnik schon mal das Licht und die Stühle in der Bundeskunsthalle und wählten die Holzfiguren aus. Danach rief Kramnik einen anderen Experten in Sachen Kopfarbeit an: Witali Klitschko. Kramnik wollte seinem Freund Glückwünsche zum Comeback als Box-Weltmeister bestellen.Martin Breutigam

0 Kommentare

Neuester Kommentar