Schach-WM : Im Zweifel Notbremse

Viswanathan Anand und Magnus Carlsen tasten sich vorsichtig in die Schach-WM und starten mit zwei Remis. "Wir haben uns jetzt ein bisschen eingelebt", sagte der erst 22-jährige Carlsen nach dem zweiten Duell.

von
Nachdenklich an die Spitze: Schach-Weltranglistenerster Magnus Carlsen.
Nachdenklich an die Spitze: Schach-Weltranglistenerster Magnus Carlsen.Foto: Imago

Am Samstag hatte Magnus Carlsen „etwas mehr Unterhaltung als anderthalb Stunden“ in Aussicht gestellt. Doch nach der nur 16 Züge währenden Auftaktpartie der Schach-WM in Chennai erfüllte sich die Hoffnung auf ein längeres Spektakel am gestrigen Sonntag nicht. Auch in der zweiten Partie in Indien einigten sich Weltmeister Viswanathan Anand und sein Herausforderer Carlsen frühzeitig auf Remis. Diesmal schon nach 68 Minuten, immerhin waren es mit 25 ein paar Züge mehr als in der ersten Partie. Nach zwei Tagen Kurzarbeit steht es 1:1. Die dritte von insgesamt zwölf Partien wird am Dienstag gespielt.

Es tue ihm leid, rechtfertigte der 43 Jahre alte Inder Anand sich gestern, dass er, obwohl als Weißer im Besitz des obligaten Anzugsvorteils, schnell die Spannung aus der Stellung ließ. Carlsens Eröffnungswahl, die Caro-Kann- Verteidigung, habe ihn etwas überrascht, sagte der Weltmeister. Die Stellung sei nach dem 14. Zug „sehr scharf“, also sehr kompliziert gewesen. Er habe entscheiden müssen, ob er sich ohne genaue Vorbereitung auf die Komplikationen einlassen wolle. Der Inder scheute das Risiko, weil er in diesem Fall eine genauere Detailkenntnis seines Gegners fürchtete. Anand tauschte die Damen, „danach war nicht mehr viel los“.

Auch der 22 Jahre alte Carlsen schien über den WM-Auftakt keineswegs betrübt. „Wir haben uns jetzt ein bisschen eingelebt“, sagte der Weltranglisten-Erste nach der zweiten Partie. Gewiss, das Gefühl, einen Weltmeisterschaftskampf zu spielen, ist für den jungen Norweger ebenso ungewohnt wie das riesige Medieninteresse im schachboomenden Indien, wo Anand als Superstar gilt und schon wiederholt zum Sportler des Jahres gewählt worden ist. „Wir haben jetzt ein paar Information darüber, was der andere vorhat, ich denke, es fängt an spannend zu werden“, sagte Carlsen. Genau betrachtet bot sich ihm bislang keine Chance, sein typisches Kampfschach zu zeigen. Schon in der ersten Partie musste Carlsen, mit Weiß spielend, einem Remis durch Zugwiederholung zustimmen, andernfalls wäre er in Nachteil geraten. Natürlich sei er über diesen Auftakt nicht begeistert gewesen, sagte Magnus Carlsen. Es habe in der Partie ungewöhnlich frühzeitig eine Krise gegeben, „da musste ich die Notbremse ziehen“.

Friedlich wie der bisherige Spielverlauf wirkt auch der Umgang der beiden Schachgenies im großen Saal eines Luxushotels in Chennai. Unmittelbar nach der ersten Partie diskutierten die beiden früheren Trainingspartner dort noch intensiv ihre Spielpläne, erst sitzend, dann noch eine Weile stehend am Spieltisch, der auf einer hell erleuchteten Bühne steht. Das im Dunkeln sitzende Publikum ist während der Partien durch eine dicke Glasscheibe getrennt. Eine bei WM-Kämpfen inzwischen übliche Vorsichtsmaßnahme, die jegliche Form von Kommunikation zwischen Zuschauern und Spielern verhindern soll. Darauf hätte man diesmal vermutlich verzichten können, denn Anand und Carlsen gelten als fair und völlig unverdächtig in Sachen „elektronisches Doping“, der heimlichen Computerhilfe während der Partien.

Dennoch stößt auch ihre gegenseitige Offenheit an Grenzen: Als Viswanathan Anand während der ersten Pressekonferenz in Chennai überraschend die Namen seiner Sekundanten preisgab, lächelte Carlsen erstaunt. Ob nun nicht auch er seine Sekundanten nenne wolle, fragte einer. „Ich schätze die Großzügigkeit meines Gegner, möchte sie aber nicht erwidern“, antwortete Magnus Carlsen. Dies könnte ja Rückschlüsse auf die Wahl der Eröffnung zulassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben