Schach-WM in Sotschi : Selbst der Computer staunt über Viswanathan Anand

Bei der Schachweltmeisterschaft stellt Viswanathan Anand den Titelverteidiger Magnus Carlsen vor überraschend große Probleme.

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Nachdenklicher Weltmeister. Magnus Carlsen wirkt in Sotschi keineswegs so souverän wie vor einem Jahr in Indien.
Nachdenklicher Weltmeister. Magnus Carlsen wirkt in Sotschi keineswegs so souverän wie vor einem Jahr in Indien.Foto: dpa

Mit 4,5 zu 3,5 Punkten führt der Titelverteidiger Magnus Carlsen bei der Schachweltmeisterschaft gegen Viswanathan Anand nach acht von möglichen zwölf Spielen. Das letzte Duell war am Dienstag mit einer unspektakulären Punkteteilung zu Ende gegangen. Der Favorit ist im russischen Sotschi also im Vorteil, alles wie erwartet, könnte man meinen. Dennoch war es Anand, der bislang die Ausrufezeichen setzte und nicht nur Carlsen vor unerwartete Probleme stellte – sondern sogar die scheinbar allwissenden Computerprogramme, die all den Experten rund um den Globus helfen, während die beiden Spieler auf sich gestellt grübeln.

Beim siebten Spiel am Montag etwa schien Anand nach 31 Zügen sowohl den Analysten wie den Maschinen klar im Nachteil, eine Pleite wäre, nachdem er bereits am Vortag verloren hatte, vorentscheidend gewesen. „Ich fürchte, Anand ist in ernster Gefahr, die Partie zu verlieren“, erklärte Großmeister Alexander Deltschew auf chessbomb.com stellvertretend für die weltweite Expertenschar. Der Inder musste befürchten, zwei Freibauern Carlsens ungehindert auf sich zukommen zu sehen, und entschloss sich kühn, seinen Läufer zu opfern. Die Computer liefen Sturm, zeigten Carlsen nun noch weiter im Vorteil und irrten allesamt. Nach 122 Zügen, der längsten Partie zwischen beiden, willigte Carlsen ins Remis ein.

Bereits zuvor hatte Anand Carlsen gezeigt, dass er sich nicht noch einmal so einfach würde überrumpeln lassen wie 2013, als der damalige Weltmeister in seiner Heimat Indien kein einziges Spiel gewinnen konnte und gegen den 21 Jahre jüngeren Carlsen wie ein Auslaufmodell agiert hatte. Doch diesmal schlug Anand nach einer Niederlage im zweiten Spiel in der dritten Partie zurück.

Mit einem gewagt wirkenden, aber wohl ausgeklügelt vorbereiteten Angriff über den Damenflügel brachte Anand seinen c-Bauern auf die vorletzte Linie und lähmte damit Carlsen, der gegen den Offensivdrang seines Kontrahenten wenig auszurichten wusste und bereits nach 34 Zügen aufgab. Experte Thomas Richter fragte in seinem Kommentar für den Deutschen Schachbund gar, ob es sich bei Carlsens ungeschicktem Beginn um die „größte Eröffnungskatastrophe aller Zeiten bei einem WM-Spiel“ handelte.

Dass beide Spieler bislang mit offenem Visier agierten und sich nicht so solomonisch wie langweilig auf „Großmeister-Remis“ mit nur wenigen Zügen einigten, führt laut vielen Experten zu großer Müdigkeit der Kontrahenten. Vielleicht auch deshalb machten sie in der sechsten Partie grobe Fehler, die auf diesem Niveau eigentlich nicht passieren – und einem Schachcomputer auch niemals passiert wären. In einer für ihn günstigen Stellung wurde der Weltmeister Carlsen von der „Schachblindheit“ befallen, die Fachwelt hielt den Atem an. Ausgerechnet in diesem Moment war die offizielle Liveübertragung in die Werbepause gegangen. Wild ruderten die Moderatoren mit den Armen und wollten wieder auf Sendung. Vergebens. Anand sah den Fehler jedoch nicht und patzte seinerseits. Er verlor das Spiel. Doch noch ist für ihn in der Gesamtwertung längst nicht alles verloren.

Weiter geht es am heutigen Donnerstag. Anand wird versuchen, mit Schwarz eine Vorentscheidung zugunsten von Carlsen zu verhindern. Dann hätte er bei noch drei ausstehenden Partien zweimal Weiß und somit alle Chancen auf den Ausgleich. Bei einem Gleichstand von 6:6 würde der Weltmeister in vier Schnellpartien ermittelt.

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