Sport : Schach-WM: Schachmatt für den alten König?

Martin Breutigam

So lange wie Garry Kasparow war noch kein Schachspieler die Nummer eins der Welt. 15 Jahre - das hat noch überhaupt kein Sportler geschafft. Gewiss, der Deutsche Emanuel Lasker hatte den Weltmeistertitel von 1894 bis 1921 gehalten. Doch das waren andere Zeiten. Kasparow gab dem Spiel mit seinem unverwechselbar dynamischen Stil ein ganz neues Tempo und galt deswegen sogar unter den Konkurrenten als bester Spieler aller Zeiten. Er besiegte Nationalmannschaften im Simultanspiel, unter anderem die von Israel, Frankreich und Deutschand. Und nun hat er zum ersten Mal einen Wettkampf gegen einen Menschen verloren. Sein ehemaliger Schüler, Wladimir Kramnik, zähmte ihn und darf sich nun mit Recht Weltmeister nennen. Eine neue Zeitrechnung scheint angebrochen und die Kasparow-Ära zu Ende.

Ist sie das wirklich? Der ergraute Ex-Champion steht erstmals mit leeren Händen da: Er ist kein "wahrer" Weltmeister mehr, und auf den offiziellen Titel des Weltschachbundes Fide, den derzeit der Russe Alexander Chalifman hält, hatte er ohnehin keinen Wert mehr gelegt. Bei der Ende des Monats in Neu Delhi beginnenden Fide-WM werden er und höchstwahrscheinlich auch Kramnik nicht am Start sein.

Allerdings: Kasparow bleibt die Nummer eins der Weltrangliste, und deswegen führt auch künftig kein Weg an ihm vorbei. Dass er sich in nächster Zeit in den K.o.-WM-Zyklus der Fide einreihen wird, ist unwahrscheinlich. Allzu oft und scharf hatte er in der Vergangenheit die Führung des Weltschachbundes um den umstrittenen Präsidenten Kirsan Illjumschinow kritisiert. Nein, Kasparow möchte am liebsten einen Revanchekampf gegen Kramnik.

Aus sportlicher Sicht spricht vieles dafür, dass das seltsam gehemmt aufspielende Schach-Genie die Chance zur Rehabilitation bekommt. Niemand weiß, ob er sich zuvor ein Revancherecht von Braingames Network, dem Sponsor und Veranstalter, vertraglich zusichern ließ. Falls nicht, hielte allein Kramnik die Fäden in der Hand. Und zweifellos wird der dann, schon der "Selbsterhaltung" wegen, den einfacheren Weg wählen. Anders formuliert: Mit dem jungen Champion ist ein Vereinigungsmatch zwischen dem "wahren" und dem kommenden Fide-Weltmeister näher gerückt. In diesem Fall wäre der alte König aus dem Spiel.

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