Schacholympiade in Tromsö : Matt, Mack und Mitternachtssonne

Im norwegischen Tromsö findet die bisher nördlichste Schacholympiade statt – nach Querelen im Vorfeld ganz entspannt. Aber an diesem Montag geht es vor allem um den russischen Präsidenten.

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Chess in the City: Tromsö zeigt sich derzeit (klein)kariert.
Chess in the City: Tromsö zeigt sich derzeit (klein)kariert.Foto: Sandra Dassler

Die norwegische Stadt Tromsö liegt so weit über dem Polarkreis, dass es auch Anfang August noch nicht wirklich dunkel wird. Zwar ist die berühmte Mitternachtssonne hier nur bis zum 25. Juli zu sehen, aber eine richtige Nacht fühlt sich anders an.

Die meisten der mehr als 1500 Teilnehmer der am 2. August eröffneten 41. Schacholympiade scheinen aber die hellen Abende am Fjord zu genießen. Einträchtig schlendern die Vertreter von 175 Nationen bei angenehmen Temperaturen, die der Golfstrom mit sich bringt, am Kai entlang, bestaunen die riesigen Kreuzfahrt- und Hurtigrutenschiffe oder besuchen Konzerte in der berühmten Eismeerkathedrale. Manche sind sich auch nicht zu schade, einen guten Ratschlag an einheimische Freizeitspieler zu richten. Die treffen sich derzeit an mehreren großen Schachbrettern in der 70 000-Einwohner-Stadt. Gespielt wird hier mit der Nordnorwegen eigenen Gemütlichkeit, die sich offenbar inzwischen auch wohltuend auf die Olympiade übertragen hat.

Denn im Vorfeld hatte es nicht wenige Probleme gegeben, bis zuletzt stand das Großereignis auf wackeligen Füßen. Im Mai hatten norwegische Zeitungen schon das Aus der Schacholympiade verkündet, weil im Budget eine Finanzierungslücke in Höhe von 15 Millionen norwegischen Kronen klaffte. Schließlich bewilligte die norwegische Regierung doch noch einmal zwölf Millionen Kronen, das reichte.

Der Ukraine-Konflikt holte die Spiele ein

Dann holte gar der Ukraine-Konflikt die Spiele ein – zumindest vermuteten das viele. Am 16. Juli 2014 teilte das Organisationskomitee mit, dass mehrere Mannschaften von der Teilnahme ausgeschlossen werden, weil sie ihre Aufstellungen nicht bis zum Ende der Meldefrist übermittelt hatten. Darunter war auch das russische Frauenteam, das Titelverteidiger ist. Die nicht rechtzeitige Meldung wurde darauf zurückgeführt, dass zunächst der Föderationswechsel der Weltranglistensiebten Kateryna Lagno von der Ukraine nach Russland abgewartet werden sollte. Der Schachverband der Ukraine hatte dagegen Protest eingelegt.

Letztlich durfte aber auch Russland antreten und zum Glück für die meisten Teilnehmer, die einfach nur Schach spielen wollen, hat am Ende doch noch alles geklappt, auch wenn die Hotelbetten in Tromsö nicht ganz ausreichen. „Wir hatten einige Probleme, in der Nähe gelegene Übernachtungsmöglichkeiten für alle Teammitglieder zu finden“, sagt Louisa Nitsche vom Deutschen Schachbund: „Ein ursprünglich geplantes Hotel ist letztendlich doch nicht mehr gebaut worden und die Stadt hat nun mal nicht den Platz für ein Event dieser Größenordnung mit all seinen Auswirkungen.“

Ein Ausweichen auf Nachbarorte entfällt, denn im Umkreis von mehreren hundert Kilometern ist Tromsö die größte Stadt – wegen ihres Charmes auch „Paris des Nordens“ genannt. Oder auch „Pforte zum Eismeer“, schließlich starteten Nansen und Amundsen hier ihre Polar-Expeditionen. In Tromsö gibt es die nördlichste Universität der Welt, den nördlichsten botanischen Garten, die nördlichste Bulimie-Klinik und die nördlichste Brauerei: „Mack“ wurde 1877 von einem gleichnamigen Bäcker aus Braunschweig gegründet und ist einer der lokalen Sponsoren der Schacholympiade.

Weltmeisterbesieger. Naiditsch gelang ein Erfolg gegen Carlsen.
Weltmeisterbesieger. Naiditsch gelang ein Erfolg gegen Carlsen.Foto: Imago

Die in der Weltrangliste auf Platz zwölf rangierenden Deutschen sind bisher ganz gut dabei, am Samstag gelang Großmeister Arkadij Naiditsch aus Dortmund ein sensationeller Sieg gegen den norwegischen Weltmeister Magnus Carlsen. Dank des unerwarteten Erfolges gewann Deutschland in der siebten Runde am Samstag mit 2;5:1,5 gegen die Olympiade-Gastgeber und verbesserte sich in der Gesamtwertung auf den 13. Platz.

Am Rande der Olympiade wird der Vorsitzende des Weltschachverbands Fide gewählt

Am Montag wird das Schachspiel in Tromsö allerdings fast zur Nebensache. Denn am Rande der Olympiade wird der Vorsitzende des Weltschachverbands Fide (Fédération Internationale des Échecs) gewählt. Seit 1995 ist das der umstrittene ehemalige Präsident der russischen Republik Kalmückien Kirsan Iljumschinow. Er tritt auch in Tromsö wieder an, ist Millionär, wurde nach eigenen Aussagen von Außerirdischen entführt und gilt als enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Sein Gegenkandidat ist Ex-Weltmeister Garry Kasparow, der Putin verabscheut . . .

Im Gegensatz zur Situation in Russland hat es Schach in Deutschland schwer, als Sport anerkannt zu werden, obwohl es hier mehr als 90.000 Vereinsspieler gibt. Gerade hat das Bundessportministerium die jährliche Förderung gestrichen, was unter anderem dazu führt, dass Kinder nicht zur Jugend-Weltmeisterschaft im September in Südafrika fahren können.

Bei der Olympiade, die seit 1950 alle zwei Jahre stattfindet, werden elf Runden gespielt, bei denen punktgleiche Mannschaften gegeneinander antreten. Am Start sind Viererteams – 177 mit Männern und 136 mit Frauen. Vorzeitig nach Hause fahren muss keiner. Noch bis Donnerstag werden die aus der Wettkampfhalle der alten Mack-Fabrik zum Kai strömenden Schachspieler das Bild der Stadt beherrschen. Dann können sie in Tromsö tatsächlich so etwas wie Nacht erleben. Wenn auch nur kurz.

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