Schacholympiade : Pünktlichkeit siegt

Bei der Schacholympiade in Dresden mit 1300 Aktiven führt verspätetes Erscheinen sofort zur Niederlage. Das löst besonders bei den Weltklassespielern viel Unmut aus.

Martin Breutigam[Dresden]
Schach
Alles besetzt. Bei der Schacholympiade darf nur derjenige mitspielen, der pünktlich an seinem Platz ist. -Foto: ddp

Für Marcel Duchamp waren die Schachspieler „so schön verrückt wie die Künstler eigentlich sein sollten, aber leider nicht sind“. Duchamp, der Generationen von Künstlern prägte, hatte sich im Jahr 1923 für eine Dekade aus der Kunstszene zurückgezogen, um einfach nur Schach zu spielen. „Wenn auch nicht alle Künstler Schachspieler sind, so sind doch alle Schachspieler Künstler“, behauptete er. Übernimmt man dieses Wort unkritisch, spielen vom heutigen Donnerstag an in Dresden so viele Künstler wie nie zuvor bei einer Schacholympiade.

Seit der ersten, inoffiziellen Austragung in Paris 1924, wo auch Duchamp teilnahm, hat sich der alle zwei Jahre stattfindende Mannschaftswettbewerb stetig zur weltweit größten Massenveranstaltung im Schach entwickelt. Zur 38. Auflage in Dresden kommen über 1300 Aktive aus 152 Nationen ins Kongresszentrum. Sie verteilen sich auf 156 Teams bei den Männern und 119 bei den Frauen. Fast die gesamte Weltelite sitzt an den Brettern, aber auch Hunderte von Unbekannten aus schachlichen Entwicklungsländern. Titelverteidiger bei den Männern ist Armenien. Das russische Team wird von Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik angeführt, der mithelfen will, dass die Schachnation Nummer eins wieder einmal gewinnt. Bei den Frauen ist die Ukraine Titelverteidiger. Top-Favoriten sind Russland mit Weltmeisterin Alexandra Kostenjuk am Spitzenbrett sowie China mit der jungen WM-Zweiten Hou Yifan.

Wie Bohemiens sollen die Großmeister aber nicht auftreten in Dresden. Eher wie Sportler. Zu diesem Zweck hat der Weltschachbund Fide eine neue, umstrittene Regeländerung eingeführt: Wer bei Rundenbeginn nicht pünktlich am Brett sitzt, wird kampflos verlieren, und zwar sofort. Dies hat Unmut unter den Weltklassespielern ausgelöst. „Ein völliger Blödsinn, dass Hunderte von Menschen pünktlich sein sollen, obwohl ihre Hotels manchmal weit weg vom Spielsaal liegen“, sagt der Israeli Boris Gelfand. Zwar habe jeder Verständnis, dass Zuschauer und auch Fotografen, die nur in den ersten Spielminuten mit Blitzlicht arbeiten dürfen, alle Akteure möglichst von Anfang an sehen wollen. „Bloß scheint mir, dass die Menschen, die diese Regel erfunden haben, nie selbst Schach gespielt haben“, sagt Gelfand.

Die angedrohten Konsequenzen bei Unpünktlichkeit hält auch Alexander Grischuk für viel zu hart. „Das ist einfach nur schrecklich“, sagt er, „der Spieler, der zu spät kommt, ist doch bereits bestraft, weil er weniger Bedenkzeit hat.“
Grischuk, der wie der frühere Weltmeister Wladimir Kramnik für die favorisierten Russen spielt, befürchtet nun in jeder Runde „Dutzende von kampflosen Niederlagen“. Uwe Bönsch, Deutschlands Bundestrainer der Männer, findet die Neuerung „generell richtig, nur die radikale Anwendung wirkt überhastet“. Pünktlichkeit sei aber eine Selbstverständlichkeit, sagt Bönsch. „Manche kommen ja extra eine Viertelstunde zu spät, um den Fotografen aus dem Weg zu gehen.“

In Deutschland fanden bislang vier Schacholympiaden statt: in Hamburg 1930, in München 1958, in Leipzig 1960 und in Siegen 1970. Dresden wird wohl als Reformolympiade in die Geschichte eingehen. Es stehen nämlich noch eine Reihe weiterer Änderungen auf dem Plan, zum Beispiel sind Remisangebote vor dem 30. Zug nicht mehr erlaubt. Es werden auch nur elf statt dreizehn Runden gespielt und schließlich sind am Ende des Turniers die Mannschaftspunkte entscheidend, nicht mehr die Summe der in allen Kämpfen erzielten Brettpunkte.

Der größte Erfolg eines deutschen Teams nach dem Zweiten Weltkrieg war die Silbermedaille der Männer 2000 in Istanbul. Diesmal formuliert Bönsch bescheidenere Ziele: Auf Rang elf gesetzt wäre ein einstelliger Tabellenplatz ein Erfolg. „Und wenn ich träumen darf – ein Platz unter den ersten sechs.“ Doch dazu braucht es mehr Kunst als Pünktlichkeit.

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