Sport : Schachzüge neben dem Brett

Bei der WM in Russland kämpfen Kramnik und Topalow mit Betrugsvorwürfen und Beschimpfungen

Martin Breutigam

Berlin - Der Kampf um die Schach-WM in Elista/Russland geht auch abseits der 64 Felder fantasievoll weiter. Inzwischen scheint Silvio Danailow, dem Manager des Fide-Weltmeisters Wesselin Topalow, jedes Mittel recht, den sogenannten klassischen Weltmeister Wladimir Kramnik zu verunglimpfen. Erst vor wenigen Tagen hatte der von Danailow ausgelöste Toiletten-Eklat seinem bulgarischen Landsmann einen kampflosen Punkt eingebracht. Nun verbreitete er vor der siebten WM-Partie, die nach 60 Zügen remis endete, eine von ihm selbst durchgeführte Untersuchung der vorherigen Partien. Demnach hätten Kramniks Züge im Schnitt zu über 75 Prozent mit denen des Schachprogramms „Fritz 9“ übereingestimmt. Der Russe reagierte prompt auf diesen neuen Betrugsvorwurf.

„Totaler Nonsens“, sagte Kramnik. Topalows Prozente seien in dessen jüngsten Turnieren noch höher gewesen, „außerdem ist sowieso klar, dass das Team meines Gegners die schmutzigsten Tricks benutzt, um mich aus der Fassung zu bringen. Die tun mir einfach nur leid.“ Solche Skandale würden dem Schach schaden, so Kramnik. In Elista bestehe nicht einmal die theoretische Chance, Hilfe von außen zu bekommen. Künftig müsse es bei allen größeren Veranstaltungen einen derartigen Manipulationsschutz geben. Kramniks Manager Carsten Hensel befürchtet, hinter dem Angriff Danailows könne die Absicht stecken, einen Minicomputer oder Ähnliches in Kramniks Ruheraum zu schmuggeln, um diesen anschließend damit zu belasten.

Hensel machte dem Veranstaltungschef detaillierte Vorschläge, wie dies vor den nächsten Partien zu verhindern sei. Auch Matthias Wüllenweber, einer der „Fritz“-Väter, wundert sich über Danailows Zahlen. „Dass sind unsinnige Aussagen“, sagt Wüllenweber. Bei Großmeistern seien Übereinstimmungen zwischen 70 und 80 Prozent normal. Kramnik habe auch tiefgründige strategische Entscheidungen getroffen, die typisch für einen Spieler seines Kalibers sind. Der Blick in die Internetforen zeigt, dass Danailow die Zahl seiner weltweiten Kritiker weiter erhöht hat. Schachfreaks fühlten sich angestachelt, nun auch Topalows Partien der letzten zwei Jahre zu untersuchen: In etlichen Fällen stimmen dessen Züge zu über 90 Prozent mit den Vorschlägen von „Fritz 9“ (im 2-Züge- Modus) überein.

Wie dem auch sei, in der siebten Partie gelang es Topalow trotz Minusbauern, einen halben Punkt zu retten. Gestern eröffnete Kramnik nach drei Schwarzpartien mit Weiß – trotzdem gewann Topalow nach 52 Zügen und glich zum 4:4 aus.

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