• Schäfers Besuch bei der Oma - der Trainer ist ein gefragter Gast in Karlsruhe - weil er so schön von früher erzählt

Sport : Schäfers Besuch bei der Oma - der Trainer ist ein gefragter Gast in Karlsruhe - weil er so schön von früher erzählt

Benedikt Voigt

Auch den Stadionsprecher erfasste das neue Karlsruher Syndrom. "Mit der Nummer 4", rief der Mann in sein Mikrofon, "der Spieler, der in Bochum das Tor schoss, das nicht gegeben wurde: Christian Kritzer." Viele der 13 200 Zuschauer jubelten und sorgten damit für eine Premiere auf deutschen Fußballplätzen: Spieler werden für Tore gefeiert, die gar keine waren.

Das ist eben das Syndrom, das beim Tabellenletzten Karlsruher SC momentan grassiert: Niemand will die Realität sehen. Nicht die Polizei, die an Spieltagen mit einem stattlichen Aufgebot vor dem Hauptbahnhof zieht und sich wundert, dass so wenig Fans kommen. Nicht die Zuschauerin, die nach einem Fehlpass sagt: "Der Häßler hat aber immer den Ball am Fuß gehabt." Und nicht Angreifer Rainer Krieg, der im Stadion-Magazin vorrechnet, wie es mit dem Klassenerhalt klappen könnte. "Von neun Heimspielen müssen wir schon sechs bis sieben Mal als Sieger vom Platz gehen." Plus dem einen oder anderen Auswärtspunkt seien das insgesamt 40 (?) Punkte. Blöd nur, dass Karlsruhe bisher nur einen Heimsieg landete.

Die Wirklichkeit sieht eben anders aus. Mit dem 0:0 gegen Tennis Borussia sichert sich der Karlsruher SC weiterhin den letzten Platz der Zweiten Liga. Noch immer wartet Trainer Joachim Löw, der im November den erfolglosen Reserveoffizier Rainer Ulrich ablöste, auf seinen ersten Sieg. Insgesamt 36 Spieler setzte der Klub in dieser Saison ein. Erfolglos. In der Winterpause holte Löw noch die Spieler Erik Edman, Vragel da Silva und Patrick de Napoli. Der Brasilianer da Silva verdiente sich als Manndecker gegen Sasa Ciric ein Sonderlob, doch zu einem Sieg konnten die drei Neuen auch nicht beitragen. Zwei Punke aus drei Spielen lautet nun die Bilanz nach der Winterpause. Zu wenig. Immerhin dominierte Karlsruhe gegen den Tabellenvierten. Trainer Löw, der sich beim VfB Stuttgart das zweifelhafte Prädikat "nett" erworben hat, schöpft daraus nun die Hoffnung, dass "wir fußballerisch auf einem guten Wege sind."

Die Zukunft aber ist ein Problem in Karlsruhe. Niemand möchte sich vorstellen, dass ins 34 000 Zuschauer fassende Wildparkstadion keine Vereine mehr kommen, die PSV Eindhoven, FC Valencia, Girondins Bordeaux und FC Porto heißen. Sondern SC Pfullendorf oder SV Wehen. Kurioserweise trägt der Tabellenvierte in der Regionalliga momentan bereits den Namen Karlsruher SC. Allerdings Amateure.

Dann lieber in die Vergangenheit blicken. Immer wieder musste Winfried Schäfer am Sonntag Fragen über den Karlsruher SC beantworten. Mit ihm ist der Klub in die Bundesliga aufgestiegen, mit ihm stieß der Verein bis ins Halbfinale des Uefa-Cups vor. Sein Name bedeutet in Karlsruhe immer noch Erfolg. "Nein, ich habe kein Mitleid mit dem KSC", sagte der jetzige Trainer von Tennis Borussia, "das Kapitel ist lange abgehakt." Die Anwesenden hörtens nur ungern.

In diesen Tagen ein Heimspiel des KSC zu sehen, ist wie ein Besuch bei der Oma. Nichts erzählt sie vom langweiligen Alltag, alles dreht sich um Erinnerungen. Und Rituale. Wie das Badener Lied, das die Zuschauer immer noch vor dem Spiel singen: "Das schönste Land in Deutschlands Gauen, das ist mein Badener Land, es ist so herrlich anzuschauen, und ruht in Gottes Hand." Offensichtlich hilft das, die Gegenwart zu vergessen.

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