Sport : Schalke 04: Bier und Spiele

Hans Dieter Baroth

"Man müsste Geld haben und auswandern. Nach dort wo die Sonne scheint." Die Frau im Corfu-Grill des Gelsenkirchener Stadtteils Schalke ist südeuropäischer Abstammung. Sie arbeitet hinter der Theke. Das Wetter ist unbeständig. Sie unterhält sich mit einem Griechen auf Deutsch. Der Imbiss liegt an der Kurt-Schumacher-Straße, die den Industrieort Schalke in zwei Hälften teilt. Ein Fußballfeld weiter liegt die Straßenbahnhaltestelle Ernst-Kuzorra-Platz neben dem Vereinslokal von Schalke 04. Aus dem Corfu zu sehen ist ein Förderturm der Zeche Consolidation. Kein Rad dreht sich mehr zur Kohleförderung.

Im Corfu hängt ein Wappen von S 04. Die ausgelegte Bild-Zeitung ist drei Tage alt. Ein Vater isst mit seinen beiden Kindern hier im Grill. Seine Tochter schlürft Malzbier. Einen Tisch weiter trinken zwei Männer ihr Bier aus der Flasche. Die Spielautomaten werden von ihnen ständig gespeist. Es kommt nur Laufkundschaft. "Einmal alles drauf, einmal mit Zwiebeln, dat schmeckt bessa", bestellt eine aufgedunsene Frau, deren Alter schwer zu schätzen ist. Kein Wunder, dass die dunkelhaarige Hilfe gern woanders leben möchte. Wenn sie Geld hätte. Um die Mittagszeit sind die Läden mit Ramschwaren in der Nachbarschaft geschlossen. Das Vereinslokal von Schalke 04 ist nur abends geöffnet. Der Schweinerollbraten wird für 10,90 DM angeboten. Hinter dem Lokal liegt die Glückauf-Kampfbahn. Hier genossen die Schalker in den 40er Jahren mit Szepan und Kuzorra ihre Meisterschaften und Triumphe. Den letzten Titel holten sie 1958 und feierten in der Kampfbahn, in der jetzt die Amateure des Klubs in der Oberliga spielen. Vor 100 Zuschauern, Rentnern, die hier Invaliden genannt werden. Und die erzählen von den angeblich guten alten Zeiten. Ein Spiel dauert 90 Minuten, bei den Schalkern aber 50 Jahre. In den Räumen der verwittert wirkenden Tribüne ist die Geschäftsstelle des Fan-Beauftragten untergebracht. Und die von DJK Teutonia Schalke-Nord.

"Wir sind unheimlich stolz, dass eines der modernsten Fußballstadien Europas im August eingeweiht wird", sagt Rudi Assauer. Der Manager des Bundesligisten ist der Motor für eine Unterhaltungsfabrik inmitten von industriellen Brachen. Drei Kilometer nördlich von dem verarmten Stadtteil Schalke liegt die Arena "Auf Schalke". Das mangelhafte Deutsch der Bergleute ist zum Kultbegriff vermarktet worden. Die Knappen gingen nicht zum Fußballplatz, sie sagten "aufm Platz" und "auf Schalke" statt zu Schalke.

Im ehemaligen Emscherbruch wurde nun gebaut, was US-Manager zu Neid triebe. Mit dem Mythos Schalke ist ein Supergeschäft entstanden. Unweit der neuen Arena wird der S-04-Shop betrieben, zu dem an normalen Wochentagen Tausende von Familienvätern aus dem Ruhrgebiet anreisen, um ihren Söhnen und auch Töchtern Trikots mit dem Namenszug Ebbe Sand zu kaufen oder nur einen Notizblock in den blauweißen Farben, die selbst eingefleischte Kommunisten Königsblau nennen. Der Papst ist Mitglied von Schalke 04 und hat seine besten Wünsche zur heutigen Arena-Eröffnung übermitteln lassen. Vor der Arena wurde ein Museum eröffnet. Vergilbte Fotos der einst ruhmreichen Kuzorra, Szepan, Berni und Hans Klodt sowie Otto Tibulski oder Paul Matzkowski und anderer können gegen Eintrittsgeld besichtigt werden. Die enge Verbindung der Königsblauen mit den Nazis wird nur angerissen.

Etwas kleinlaut sagt ein Besucherführer vor der Arena, er komme aus Bochum. Nach den ersten etwas unsicher vorgetragenen Erklärungen folgen die Angaben der Superlative. Mehr als 358 Millionen Mark wurden verbaut. So geht es weiter. An der Decke der riesigen Arena für fast 70 000 Zuschauer hängt in 25,41 m Höhe ein Videowürfel mit einer Bildfläche von 35 qm pro Seite. Jede Spielszene kann sofort gezeigt werden. Der Rasen gedeiht außerhalb der Arena wie auf einem riesigen Kuchenblech. Vor den Spielen wird er hineingefahren. Das kostet jeweils 12 000 Mark. Das Bier wird nicht in Fässern gelagert, es befindet sich in Containern. Allein bei einer Säuberung der Leitungen gehen über 2000 Liter verloren. Weil in der Champions League nur alkoholfreies Gebräu ausgeschenkt werden darf, gehen bei der Umstellung wieder 2000 Liter Bier in den Orkus.

Dass es neben der Armut im alten Schalke auch neuen Reichtum im Ruhrgebiet gibt, wird mit den Preisen für eine Zuschauerloge belegt. Nicht ohne Stolz und mit erhobener Stimme nennt der Bochumer Fremdenführer den Preis von 144 000 Mark pro Saison. "Aber Stehplätze gibt es auch", heißt es hastig. Für die 17 Heimspiele der Saison kann ein Parkplatz für 1500 Mark gemietet werden. Auch Skeptiker sind nach der Führung durch die Arena "Auf Schalke" beeindruckt. Dass in dem Industriegebiet in Nähe der Emscher das Credo Brot und Spiele heißen wird, belegt der Etat des Klubs mit 140 Millionen Mark. "Schalke mit Rekord-Etat", titelte die "Recklinghäuser Zeitung" beeindruckt am 12. Juli 2001. Diese Summe des Geschäftsjahres 2001/2002 ist doppelt so hoch wie die des vergangenen Jahres, in der die Königsblauen die Meisterschaft schuldhaft vergeigt haben. Die Fans glaubten, ihre Spieler hätten nach so vielen Jahren einen Anspruch darauf. Jene Truppe, die fälschlich noch immer Knappen genannt wird. Diesen bergmännischen Rang kennen die Kicker gar nicht. Selbst über Ernst Kuzorra wird behauptet, er sei nicht einmal fünf Jahre im Bergwerk Consolidation gewesen, deshalb habe ihm die Bundesknappenschaft keine Rente gezahlt.

Die neue Fabrik für die Freizeitgesellschaft liegt in dem Arbeitsamtsbezirk, aus dem stets die höchsten Arbeitslosenquoten des Ruhrgebietes in Konkurrenz zu Duisburg gemeldet werden. Knapp zwei Monate vor der Eröffnung musste Gelsenkirchens Stadtkämmerer eine Haushaltssperre verhängen. Der Grund: Der zum Eon-Konzern gehörenden Veba Oel AG muss die Gewerbesteuer für 1999 zurückgezahlt werden, gleichzeitig kündigte das Unternehmen drastisch sinkende Steuerzahlungen für 2001 an. Kündigungen werden nicht mehr ausgeschlossen.

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