Schalke 04 : Demo für Nachtschwärmer

Schalkes Spieler sorgten nach dem gelungen Einzug ins Champions-League-Achtelfinale für ein Politikum. Sie setzten sich für ihre suspendierten Kollegen ein.

Richard Leipold[Gelsenkirchen]
Schalke
Zeigt her eure Hemden... Die Schalker Bajramovic (rechts) und Rafinha bei ihrer Protestaktion nach dem Spiel. -Foto: ddp

Als Zlatan Bajramovic vor dem Spiel allein auf seinem Hotelzimmer die Zeit totzuschlagen versuchte, kam ihm eine Idee. Der Mittelfeldspieler von Schalke 04 beschloss, nach dem Abpfiff zu einer kleinen Demonstration aufzurufen. Stunden später, nach dem 3:1 über Rosenborg Trondheim, stand Schalke zum ersten Mal im Achtelfinale der Champions League. Und Bajramovic hielt, assistiert von einigen Mitstreitern, Hemden in die Höhe, als wäre er ein Fan. Es waren die Trikots zweier Mitspieler, die von der Vereinsführung suspendiert worden waren. Mladen Krstajic und Ivan Rakitic sowie der ohnehin gesperrte Jermaine Jones hatten bis in die frühen Morgenstunden des Sonntags in einer Duisburger Diskothek mit dem programmatisch passenden Namen „Club Intakt“ einen feucht- fröhlichen Abend verlebt. Krstajic war von so genannten „Leserreportern“ der „Bild“-Zeitung mit Zigarette und Schnapsglas in der Hand fotografiert worden.

Bei der alkoholfreien Siegesfeier auf dem Rasen der Schalke-Arena streifte Chefchoreograph Bajramovic sogar das Trikot mit der Nummer 20 über, das normalerweise Krstajic trägt. Für oder gegen wen haben die Spieler eigentlich demonstriert? Diese Frage bewegte am Ende auch den Fußball-Lehrer Mirko Slomka. „Auch mit den Gesten nach dem Spiel hat die Mannschaft eindrucksvoll demonstriert, dass wir ganz eng zusammenstehen“, sagte er. Es solle nur ja niemand auf den Gedanken kommen, die Demonstration habe sich gegen den Trainer gerichtet. Diese Idee lag nicht völlig fern. War es nicht Bajramovic, der erst kürzlich gegen den Trainer aufbegehrt hatte, weil er sich übergangen fühlte?

Slomka rühmte sich, den Partygängern eine „sehr harte Strafe“ aufgebrummt zu haben, indem er sie für die Partie gegen Trondheim aus dem Aufgebot strich. Ein paar Stunden später wirkte er schon eher wie ein Sozialarbeiter, der im Umgang mit Schwererziehbaren nach dem gesunden Maß sucht und die Verantwortung an die Gruppe abgibt. Natürlich werde er über die Angelegenheit „nicht einfach hinwegsehen“. Aber die Mannschaft habe eindrucksvoll dazu beigetragen, „diese Dummheit schnell vergessen zu machen“. Slomka war damit zufrieden, halbwegs glaubhaft machen zu können, dass die Demo nicht in erster Linie gegen ihn gerichtet war. Er fügte sogar hinzu, wie rührend sich Krstajic und Rakitic vor, während und nach dem Spiel um ihre Kollegen gekümmert hätten.

Slomka mag nicht merken, dass er die Vorzüge der Mannschaft ein wenig zu aufdringlich anpreist, wobei sich natürlich darüber streiten lässt, ob es ein Vorzug ist, Profis hochleben zu lassen, die „extrem unprofessionell“, wie Vorstandschef Schnusenberg sagt, gegen die Regeln verstoßen haben. Genau genommen grenzte die Solidarität mit Bajramovic und Freunden an eine Frechheit – ganz gleich, ob sie sich gegen den Trainer, den Verein oder gar die Fans richtete, die auf die feierlich dargebotenen Trikots der Sünder mit Pfiffen reagierten, was Bajramovic dazu veranlasste, eine Eckfahne aus dem Rasen zu reißen und vor der Nordkurve auf den Boden zu werfen.

So unsouverän Slomka in seiner Doppelrolle als Ankläger und Advokat wirkte: Wenn über ihm ein Gewitter aufzieht, geschieht etwas, was ihm hilft: Vor einem Jahr zeigte seine Elf (gegen Bayern) eines ihrer besten Heimspiele, obwohl die eigenen Fans ihr Team mehr als 19 Minuten eisig angeschwiegen hatten. Nebenbei ersetzte er Torwart Rost durch Manuel Neuer und behielt recht. Letztlich aber ist der Trainer nicht die dominante Figur in Schalke.

Da zieht der Klub zum ersten Mal in seiner Geschichte ins Achtelfinale der Champions League ein und erwirtschaftet zwölf Millionen Euro zusätzlich, aber alle Welt fragt sich, wer für oder gegen wen demonstriert. Aus Sicht des Trainers mag das Künstlerpech sein. Nachtschwärmer Krstajic, ein knallharter Söldner, der Trainer wie Slomka nicht fürchtet, sieht darin eher eine bizarre Seite des Alltags. Er habe immer gewusst, dass sein Kollege Bajramovic verrückt sei, sagt er. „Aber dass er so verrückt ist, habe ich nicht geahnt.“

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