Sport : Schalke 04: Kein Balkon für die Domspatzen

Felix Meininghaus

Hermann Henkel war dabei, als die Schalker in Stuttgart die Meisterschaft so gut wie vergeigt haben. Der Pressesprecher der Stadt Gelsenkirchen hat beim 0:1 im Gottlieb-Daimler-Stadion miterlebt, "wie 25 000 Fans eine Mannschaft anfeuern, die auf dem Platz fast einschläft". Hermann Henkel ist auch Tage nach den sieben Sekunden, als Bayern München gegen Kaiserslautern (fast) alles gewann und Schalke 04 in Stuttgart (fast) alles verspielte, noch fassungslos. So wie ganz Gelsenkirchen: "Die Atmosphäre in der Stadt ist gedämpft", sagt Hermann Henkel, "hier herrscht Katerstimmung."

Die Stadt Gelsenkirchen und ihr kickender Stolz, das ist eine ganz schön komplizierte Beziehung. Vor Wochen haben sie in der Stadtverwaltung laut über eine eventuelle Meisterfeier nachgedacht. Vor dem Rathaus sollten Tribünen errichtet oder sogar ein Balkon angebaut werden, um den Fans einen standesgemäßen Saison-Abschied von ihren Idolen zu ermöglichen. Davon aber hielt Rudi Assauer herzlich wenig, und das ließ er die Öffentlichkeit in der ihm eigenen Art wissen. "Von mir aus können die da die Domspatzen singen lassen, aber nicht uns", polterte der Schalker Manager. Die Stadtverwaltung reagierte vergrätzt, "weil Herr Assauer sofort losgewettert hat. Der Mann ist bei diesem Thema unzugänglich", sagt Henkel.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Die Angelegenheit geht inzwischen so weit, dass sich Schalkes Manager und Gelsenkirchens Oberbürgermeister Oliver Wittke überworfen haben. "Dass zwischen Herrn Assauer und Herrn Wittke die Chemie nicht stimmt, ist ein offenes Geheimnis", sagt Henkel. Ein rauschendes Fest habe man sich hier gewünscht, "wie es die Dortmunder nach ihren Meisterschaften hingekriegt haben". Ausgerechnet die benachbarte Borussia, der ungeliebte Rivale in Schwarz-Gelb, als leuchtendes Vorbild für Blau-Weiß - das dürfte die Schalker Seele zusätzlich strapazieren.

Rudi Assauer steht in Gelsenkirchen ohnehin unter Druck. Über Monate hinweg hat der starke Mann auf Schalke die Titelfrage so konsequent zum Tabuthema gemacht, dass Beobachter den Eindruck bekamen, eher würde Helmut Kohl die Namen der Parteispender ausplaudern als Assauer über die Meisterschaft reden. Nun holt ihn der Fluch der Defensive ein: Rudi Assauer muss sich der Kritik stellen, nicht nur die 43 Jahre anhaltende Sehnsucht der Fans ignoriert, sondern den Spielern gleichsam das Alibi für ihren Verweigerungs-Fußball von Stuttgart geliefert zu haben. "Druck verspüre ich nur, wenn ich morgens pinkeln muss", hat Torwart Oliver Reck nach der Niederlage von Stuttgart gesagt. Was Souveränität ausstrahlen sollte, symbolisiert nur mangelndes Engagement.

Ottmar Hitzfeld wird wohl am Ende Recht behalten: "Deutscher Meister wird nur der, der sich dazu bekennt", hat der Trainer des FC Bayern gesagt. Sollten die Schalker je daran gedacht haben, sich klammheimlich durch die Hintertür hereinschleichen und die Schale aus der guten Stube stibitzen zu können, so sind sie nun auf brutale Art eines Besseren belehrt worden.

Torjäger Ebbe Sand, einer der wenigen, die sich offen zum Ziel Meisterschaft bekannt haben, hat im Widerspruch zum Manager gesagt, für ihn wäre es "eine riesige Enttäuschung, wenn wir am Ende nur Zweiter werden". Was bleibt, sind branchenübliche Durchhalteparolen. Schließlich kann Schalke theoretisch noch die Schale holen und im Trophäenraum in der neuen Arena aufstellen. Wenn denn die Bayern in Hamburg patzen. "Aber hier in Gelsenkirchen", sagt Stadtsprecher Henkel, "mag daran im Moment keiner ernsthaft glauben."

Und wenn es nicht klappt mit dem großen Traum? Dann gibt es ja noch in der Woche drauf das DFB-Pokalfinale in Berlin. Doch selbst wenn die Partie gegen den Zweitligaaufsteiger 1. FC Union gewonnen wird, dürfen die Schalker bei der Fete nicht mehr mit der Unterstützung durch die Stadt Gelsenkirchen rechnen. "Von unserer Seite", sagt Henkel, "sind sämtliche Planungen eingestellt worden.

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