Schalke 04 : Sechs verpatzte Generalproben

Die Personallage bei Schalke zum Pokalfinale ist entspannt. Doch nach sechs aufeinander folgenden Pleiten, stellt sich die Frage nach dem Selbstbewusstsein. Bei Schalke steigt die Angst, dass das mühsam aufpolierte Image zerstört wird.

Ron Ulrich[Gelsenkirchen]
Steh auf, wenn du Schalker bist. Integrationsfigur Benedikt Höwedes dürfte bald zum Kapitän aufsteigen.
Steh auf, wenn du Schalker bist. Integrationsfigur Benedikt Höwedes dürfte bald zum Kapitän aufsteigen.Foto: Reuters

Im Fußball ist es manchmal wie im Theater. Der Rollenbesetzung kommt enorme Bedeutung zu. Das gilt auch außerhalb des Platzes, wo in den Tagen vor dem Finale diejenigen Spieler ausgesucht werden, die das Sprachrohr der Mannschaft sind. Das ist in der Regel der Kapitän, doch bei Schalke 04 will sich der Kapitän derzeit nicht mehr äußern: Torwart Manuel Neuer hält sich vor seinem wohl letzten Spiel für Schalke und seinem Wechsel zu den Bayern bedeckt, die Benennung seines Ersatzes hat Symbolcharakter. Benedikt Höwedes, bei Schalke ausgebildet und eine Führungsperson der Mannschaft, nimmt nun offenbar Neuers Platz ein. Der Identifikationsspieler („Den letzten Schalker Pokalsieg habe ich vor dem Fernseher verfolgt und danach mit Freunden in Haltern gefeiert“) dürfte bald neuer Kapitän des Teams werden. Sportdirektor Horst Heldt bezeichnete ihn als „unverkäuflich“ – ein Prädikat, das zuletzt Neuer vorbehalten war.

Neben ihm richten sich die Augen auf Raúl, der in dieser Saison derart begeisterte, dass über seine Rückkehr in die spanische Nationalmannschaft spekuliert wird. Neben Höwedes wird Raúl die zweite Korsettstange für die Schalker Zukunft bilden und demnächst wohl seinen Vertrag verlängern. „Ich fühle mich mit meiner Familie hier sehr wohl, auch sportlich haben wir noch Ziele“, sagte der Spanier, dem in seiner langen erfolgreichen Karriere ein nationaler Pokalsieg bislang verwehrt blieb. Es gibt also nicht nur ein Leben nach dem Theater, sondern auch nach Neuer – zumindest bei Schalke. Dazu ist der Pokalsieg dringend nötig, will der Verein in der nächsten Saison international spielen. „Das wäre sehr wichtig für das Renommee des Vereins“, sagt Heldt.

Laut einer anderen sprichwörtlichen Regel aus dem Theater muss für ein gelungenes Stück die Generalprobe verpatzt werden. In dieser Hinsicht gingen die Schalker zuletzt auf Nummer sicher und verpatzten glatt die letzten sechs Generalproben. „Wir haben uns nach dem Halbfinale in der Champions League hängen lassen“, gibt Raúl zu.

Durch sechs aufeinander folgende Pleiten gegen Manchester United, Kaiserslautern, München, Mainz und Köln büßte die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick ordentlich an Selbstbewusstsein ein. „Das Spiel gegen Duisburg ist gefährlich“, warnt Raúl. „Der MSV kann uns wehtun und ist ein respektabler Gegner."

Der größte Gegner für die Schalker ist jedoch die Angst. Angst, den positiven Gesamteindruck einer Saison zu verspielen, als Favorit das Endspiel zu verlieren und damit die Teilnahme am internationalen Wettbewerb in der kommenden Saison zu verplempern. Heldt verkündet: „Um es klar zu sagen: Wir sind es, die über Sieg oder Niederlage entscheiden.“

Die Personallage bei Schalke ist entspannt, aus dem Stammkader fehlt nur Anthony Annan. Klaas-Jan Huntelaar wird nach langer Verletzungspause sein Startelf-Comeback geben, auch Jefferson Farfan meldete sich einsatzbereit. „Wir sind bis in die Fingerspitzen motiviert“, sagt Benedikt Höwedes. Auch er weiß, dass es für Schalke im Finale um die simple und doch komplizierte Frage geht: Sein oder Nichtsein?

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