Schalke 04 : Sehnsucht nach der Null

Schalke hat in der Defensive zuletzt nicht mehr überzeugt. In der Champions League war das allerdings anders.

Richard Leipold[Gelsenkirchen]
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Wenn Schalke zusammenhält haben es die Gegner in der Champions League schwer. -Foto: dpa

Die Null war in Schalke oft eine magische Zahl, nicht zuletzt im Europapokal. Als der Klub vor mehr als zehn Jahren als krasser Außenseiter den Uefa-Cup gewann, stand die Null wie eine Eins. Inzwischen ist Schalke im Begriff, sich als Bestandteil des Hochglanzproduktes Champions League zu etablieren. Im ersten Jahr war der Klub sang- und klanglos ausgeschieden, im zweiten nach der Gruppenphase in den Uefa-Pokal abgestiegen. In dieser Saison haben die Schalker erstmals die Gruppenphase überstanden. „Wir sind stolz darauf, dass wir ins Achtelfinale gekommen sind“, sagt Stürmer Kevin Kuranyi.

Stolz und Vorfreude sind aber nicht die einzigen relevanten Parameter vor dem Hinspiel an diesem Dienstag daheim gegen den FC Porto (20.45 Uhr, live bei Premiere). Schalke hat auch Sorgen. Das oberste Gebot scheint zu sein, dass die Schwelle zur Angst nicht überschritten wird. Die latente Furcht hängt mit der Null zusammen. Sie steht nicht mehr so wie noch in der vergangenen Saison; sie gibt der Mannschaft nicht mehr die Sicherheit, die über Schwächen im Angriffsspiel hinweghilft, das oft zu berechenbar wirkt. In 20 Bundesligaspielen blieb Schalke nur dreimal ohne Gegentreffer, und diese Partien liegen bereits länger zurück. Schon achtmal in dieser Saison hat die Mannschaft nach einem 1:0 den Sieg noch verspielt. „Ich weiß nicht, warum wir nicht mehr zu null spielen“, sagt Kapitän Marcelo Bordon.

Was besser werden muss? „Alles“, antwortet Bordon, vor allem die Organisation innerhalb des gesamten Teams, nicht nur innerhalb der Abwehr. Jeder Spieler müsse „defensiver denken, intelligenter und strategisch besser spielen“ als zuletzt bei der Heimniederlage gegen Wolfsburg. „Es kann doch nicht sein, dass wir im eigenen Stadion ausgekontert werden.“ Vielleicht wären die Außenverteidiger Rafinha und Westermann, die bei Schalke überaus offensiv eingestellt sind, gut beraten, ihre Vorstöße ein wenig zu dosieren.

Hinter der Abwehr zeigt der junge Torwart Neuer seit dem Sommer Schwächen, die in der vorigen Saison nicht zu sehen waren. Lange hat Cheftrainer Mirko Slomka versucht, über die Fehler seines Protegés hinwegzugehen. Das hatte Neuer verdient, nicht nur seiner Jugend wegen, sondern auch wegen seines immensen Talents. Vor dem Spiel gegen Porta fordert Slomka aber auch von Neuer eine Steigerung. Ein Torhüter müsse „Ruhe, Besonnenheit und Qualität“ ausstrahlen, sagt Schalkes Trainer. Die Kritik der vergangenen Wochen sei „an Neuer und seinen Mitspielern nicht spurlos vorbeigegangen, da macht sich Unsicherheit breit“. Die Mitspieler haben dem Torhüter ihre Hilfe zugesagt – soweit sie nicht genug mit sich selbst zu tun haben. „Wir helfen ihm alle, aus dem Loch herauszukommen“, sagt Westermann.

Während in der Bundesliga der Trend zum zweiten Gegentor geht, ist der Blick auf die jüngere Vergangenheit in der Champions League geeignet, den Schalkern Mut zu machen. In drei von sechs Gruppenspielen spielten sie zu null. Auf diesen Wettbewerb trifft also durchaus zu, was der Trainer im Alltag nicht mehr behaupten kann, schon gar nicht nach der Niederlage gegen Wolfsburg: „Wir haben eine stabile Abwehr.“

In ihrem dritten Champions-League- Lehrjahr sehen die Schalker den Portugiesischen Meister – der größeren Erfahrung wegen – als Favorit, trauen sich aber einiges zu. „Wir sind in der Lage, gegen fast jede Mannschaft in Europa mitzuhalten“, sagt Manager Andreas Müller. Wie Bordon spekuliert er auf einen Heimsieg ohne Gegentor. „Zu null zu spielen wäre perfekt.“ Als Vorlage dient das Heimspiel gegen den FC Chelsea (0:0). Dort haben die Schalker gezeigt, dass Ruhe und Disziplin gerade in engen Begegnungen Vorrang genießen, so sehr das Publikum auch nach einem Spektakel verlangen mag. Gäbe es in der Champions League eine theoretische Prüfung – Schalke wäre gewappnet. Ob die Mannschaft auch dem erhöhten Schwierigkeitsgrad der anstehenden praktischen Prüfung meistern kann, erscheint zweifelhaft.

Aber die Schalker wissen, was sie können und was sie nicht können. Darin liegt eine Stärke, ebenso wie in den Standardsituationen, die mangelnde Fantasie in der Offensive auch international ausgleichen könnten. Unabhängig vom Gegner baut Slomka zudem auf eine Fähigkeit, die sein Personal in der Bundesliga wie in der Champions League, trotz aller Abwehrschwächen, auszeichnet. „Meine Mannschaft spielt in so wichtigen Partien grundsätzlich besser.“

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