Sport : Schalke: Aufregend, dramatisch, grausam

Stefan Hermanns

Rudi Assauer spielt seine Rolle fast bis zum Schluss. Aber eben nur fast. "Das Ding ist noch nicht zu Ende", sagt er zu denen, die ihm noch zuhören. Doch es hört keiner mehr zu. Assauer als Mahner und letzter Zweifler. Aber wie lange hält man das durch, wenn 60 000 Menschen um einen herum bereits die Meisterschaft feiern? "Wir haben noch nicht gejubelt", behauptet Assauer, der Manager des FC Schalke 04, hinterher von sich und Trainer Huub Stevens. Am Abend zeigt das Fernsehen dann Bilder, die das Gegenteil beweisen. Als die Gerüchte endlich zur Gewissheit geworden zu sein scheinen, springt auch Assauer in die Luft. Die Spieler liegen sich schon lange in den Armen, die Fans strömen auf den Rasen, und hinter der Ostgeraden des Parkstadions verkündet das Freudenfeuerwerk mit lautem Geknall quasi offiziell die Sensation: Schalke 04 ist Deutscher Meister.

Zumindest glauben sie das.

Zum Thema Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen Möglicherweise war es Youri Mulder, der die falsche Freude ausgelöst hat. Ein Reporter von Premiere tritt an Schalkes holländischen Stürmer heran. "Die haben mich vor die Kamera geschleppt", sagt Mulder, sie teilen ihm mit, in Hamburg sei Schluss, Bayern geschlagen, Schalke Meister. Mulder fragt, ob das Spiel der Bayern wirklich zu Ende sei oder ob Hamburg nur führe. "Nee, das ist zu Ende", antwortet der Mann von Premiere. Wenn die das sagen, denkt sich Mulder, die müssen das ja wissen. Dann hüpft er wie ein angeschossener Ochsenfrosch an der Seitenlinie entlang. Es ist wie ein Signal.

Was danach passiert, ist nur schwer zu rekonstruieren. Vielleicht muss man sich das Szenario so vorstellen, wie man es aus Demonstrationsfilmen der Feuerwehr über die Gefahren im Haushalt kennt. Erst gibt es einen kleinen Brandherd, eine Gardine fängt Feuer, die Flammen schleichen lautlos voran, immer weiter, irgendwann gibt es einen Knall, und plötzlich steht die ganze Küche in Flammen.

Plötzlich steht das ganze Parkstadion in Flammen.

"Das war sooo schön", sagt Ebbe Sand. Die Spieler gehen als Meister in die Kabine, Niels Oude Kamphuis "mit einer Pulle Bier in der Hand". Youri Mulder wundert sich, als er hinzukommt: "Die Jungs sind so ruhig." Im Fernsehen läuft das Spiel Hamburg gegen Bayern. "Was ist da los?", fragt sich Mulder. "Ist das eine Zusammenfassung davon, wie wir Meister geworden sind?" Es ist keine Zusammenfassung, es ist die Liveübertragung. Als Oude Kamphuis mit der Pulle Bier die Kabine betritt, gibt es einen indirekten Freistoß für die Bayern. "Der geht rein", denkt Oude Kamphuis. "Bei denen geht der rein. So viel Glück, wie die haben. Der muss reingehen." Die Schalker Spieler halten sich die Augen zu. Vier Minuten und fünfundvierzig Sekunden lang waren sie Deutscher Meister.

Es ist ein Moment großer Tragik, und es dauert eine ganze Weile, bis die Außenwelt davon Notiz nimmt. Im Stadion wird das entscheidende Tor der Bayern ebenfalls live auf der Videoleinwand gezeigt. Doch die meisten Zuschauer registrieren das gar nicht. Sie feiern immer noch Schalkes ersten Meistertitel seit 43 Jahren. Es ist ein skurriles Schauspiel. 65 000 Menschen haben das spektakulärste, das aufregendste, das dramatischste, das grausamste Saisonfinale der Bundesligageschichte live miterlebt, aber was wirklich passiert ist, werden sie erst zu Hause erfahren, wenn sie sich im Fernsehen die Zusammenfassungen anschauen.

Manager Rudi Assauer sagt, das Szenario sei "genial, einfach genial" gewesen, "leider zum Nachteil für uns". Aber im Grunde müsste man über die letzten beiden Spieltage der Saison einen Film drehen, "weil das Leben nicht so läuft". Ein Film, so unrealistisch, so schwülstig melodramatisch, dass vermutlich nicht einmal die seichtesten Privatsender ihn jemals ausstrahlen würden. "So was kann man nicht schreiben", sagt Assauer. Es wäre die Geschichte eines Außenseiters, der in sieben Sekunden all das zu verlieren scheint, was er sich in einem Jahr aufgebaut hat, der nur noch eine minimale Chance hat, sein Werk zu retten - und dann wird alles noch viel schlimmer.

Schalke muss gewinnen, Bayern verlieren. Doch nach 25 Minuten liegen die Schalker gegen den fast sicheren Absteiger Unterhaching 0:2 zurück. Im eigenen Stadion. "Es waren und sind keine Hosenscheißer", sagt Trainer Huub Stevens über seine Spieler. Vor der Pause gelingt ihnen der Ausgleich. Aber in Hamburg ist noch kein Tor gefallen. Dafür geht Unterhaching erneut in Führung. 20 Minuten bleiben den Schalkern. Sie müssen mindestens zwei Tore schießen, die Hamburger mindestens eins. Schalke trifft noch dreimal, macht aus einem 2:3 ein 5:3. "Wir haben gezeigt, dass wir eine Mannschaft sind", sagt Gerald Asamoah. Doch dies nützt alles nichts, wenn der HSV nicht gegen die Bayern gewinnt. Die letzten Sekunden im Parkstadion laufen. In Hamburg ist immer noch kein Tor gefallen. Auf einmal jubeln die Fans. Hamburg führt.

"Wenn die Bayern 3:0 in Hamburg gewinnen", sagt Tomasz Hajto, "ist keiner enttäuscht." Aber so. "Wir waren schon ein paar Minuten Meister", sagt Gerald Asamoah. Es war nur ein großes Missverständnis. Die Schalker glaubten, sie seien Meister, weil sie von Premiere-Reportern zu Meistern gemacht wurden. Das Fernsehen schafft sich seine eigene Realität. "Wir sahen wie Idioten aus", sagt Asamoah. "Die haben uns wirklich verarscht", sagt Hajto.

Um halb sechs treten die Spieler auf der Haupttribüne über dem Kabinentunnel vor die Fans. Hier hätten sie das Duplikat der Meisterschale bekommen, stattdessen bekommen sie jetzt einen Zwei-Liter-Kelch mit Bier. Jörg Böhme nimmt das Riesenglas als Erster und hebt es wie einen Pokal in die Höhe. Es ist eine sarkastische Geste. Die Schalker Fans singen "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin". Huub Stevens nickt dazu mit dem Kopf. Für all das, was wir hier erlitten haben, so scheint er damit sagen zu wollen, holen wir nächsten Samstag in Berlin den DFB-Pokal. Dann laufen ihm die Tränen übers Gesicht.

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