Schalke : Das Ende der Lazarett- Berichterstattung

Als erster Bundesligist will Schalke 04 künftig nicht mehr umfassend über die Verletzungen im Kader berichten. Die Persönlichkeitsrechte der Spieler gingen vor, heißt es dort. Auch anderswo ist man ins Nachdenken über die freizügige Pressearbeit gekommen.

Ulli Brünger[dpa]
Loevenkrands
Kein Wort mehr über's Sprunggelenk: Peter Loevenkrands. -Foto: ddp

DüsseldorfAls erster Bundesliga-Klub bricht der FC Schalke 04 mit einer seit jeher gängigen Praxis im Profi-Fußball und erteilt nur noch bedingt Auskunft über die Verletzungen seiner Spieler. Mit dem überraschenden Vorstoß hat der Revierclub eine lebhafte Diskussion in der Ersten und Zweiten Bundesliga in Gang gesetzt. Während die meisten Vereine weiterhin kein Problem darin sehen, Fans und Medien über den Gesundheitszustand der Akteure zu informieren, denken einigen Klubs offenbar darüber nach, dem Beispiel des Vizemeisters zu folgen.

Angestoßen hat dies alles der neue Schalker Mannschaftsarzt Dr. Bernd Brexendorf. Der 52 Jahre alte Mediziner beruft sich auf die "ärztliche Schweigepflicht". In Absprache mit Trainer Mirko Slomka verfügte Brexendorf, dass Diagnosen, Behandlungsmethoden oder mutmaßliche Ausfallzeiten nur noch dann öffentlich gemacht werden, wenn der Spieler es ausdrücklich erlaubt oder selbst Auskunft gibt. Brexendorf, früher selbst Fußballprofi und zuvor auch für die Handballer des THW Kiel zuständig, wundert sich schon lange über die gängige Praxis. "Ich habe beobachtet, dass in der Bundesliga Woche für Woche die ärztliche Schweigepflicht verletzt wird. Ich fühle mich aber daran gebunden. Von mir werden Sie über Verletzungen von Spielern nie etwas hören."

Nur Slomka erfährt von Blessuren

Der Orthopäde und Sportmediziner informiert neben dem Spieler ausschließlich Slomka über Art und Schwere der Blessur sowie die mutmaßliche Behandlungsdauer. Selbst Manager Andreas Müller erhält nicht ohne weiteres Auskunft, geschweige denn die Medienvertreter. Und falls es der Profi nicht erlaube, würde selbst Slomka nicht in Kenntnis gesetzt. Brexendorf: "Aber diesen Fall hatten wir noch nicht."

Hinter dieser neuen Strategie stecken vor allem juristische Bedenken und die Sorge, "Probleme" durch derlei Veröffentlichungen zu bekommen. Zwar wird es nicht offiziell bestätigt, doch vor längerer Zeit soll ein Schalker Profi den Verein wegen der Bekanntmachung seiner Verletzung oder Krankheit verklagt haben. Es gilt der Grundsatz: Die Krankenakte ist Privatsache. Slomka erläutert, dass Spieler auch privat Probleme bekommen könnten. "Sie haben mitunter Schwierigkeiten, eine Versicherung zu finden." Denkbar sind Probleme auch bei Vereinswechseln und Transferverhandlungen.

Slomka hält sich an die Vorgaben, dennoch sei es ein "schwieriges Thema". Denn er weiß auch um das Informationsbedürfnis von Fans und Medien. Sie wollen wissen, was mit Spieler XY los ist. Für den Trainer gilt dennoch: "Wenn ein Spieler einverstanden ist, werde ich etwas sagen. Wenn er mich nicht vom Schweigen entbindet, eben nicht."

"Ich kann nachvollziehen, was Schalke macht"

Zwischen den Stühlen sitzen die Pressesprecher der Klubs. Einerseits müssen sie sich strikt an die Anweisungen halten, andererseits die Neugierde der Medien befriedigen. Zudem möchte niemand, dass Spekulationen Tür und Tor geöffnet wird. "Wir wollen keine Verletzungen verschweigen. Und es ist auch nicht so, dass wir generell nichts mehr sagen", beruhigt Schalkes Pressesprecher Gerd Voss. "Wir werden moderieren und vermitteln." Nach Rücksprache werde auch künftig mitgeteilt, ob sich jemand einen Muskelfaserriss im Oberschenkel oder einen Nasenbeinbruch zugezogen habe.

Zurzeit informieren noch alle Klubs mehr oder weniger ausführlich über derlei Sachverhalte. Doch das Schalker Beispiel könnte Schule machen. Darauf müssen sich die Medien einstellen. "Ich kann nachvollziehen, was Schalke macht. Es ist juristisch richtig", betonte Markus Aretz, Pressechef des Zweitligisten Borussia Mönchengladbach. Auch am Niederrhein stimme man sich ab, "was wir veröffentlichen", sagte er. "Und wenn ein Spieler dies nicht möchte, werden wir es auch nicht tun. Über den Klubarzt erhält man bei uns auch keine Auskunft."

Veh: "Dazu sage ich nichts mehr"

Bei Werder Bremen hielt man sich aus nachvollziehbaren Gründen in Abstimmung mit der Familie und einem Anwalt mit Informationen über die Nierentransplantation von Ivan Klasnic zurück, bis der Profi selbst Auskunft gab. Andernorts wird eine Blessur gerne mal "heruntergespielt". Rostocks Pressesprecher Axel Schulz erklärte: "Eine grundsätzliche Beschränkung gibt es bei uns nicht. Aber der Verein entscheidet immer nach Abstimmung mit Arzt und Spieler, inwieweit Auskunft gegeben wird." Stuttgarts Trainer Armin Veh verweigerte vor der Partie in Berlin - angeblich aus Verärgerung über die Arbeit der Mediziner - die Auskunft, wer bei der Hertha einsatzfähig ist und wer nicht. "Dazu sage ich nichts mehr."

Bei den Spielern ist das Echo geteilt. Während es Mladen Krstajic "egal" ist, ob über seine Verletzung gesprochen wird, vertritt sein Mitspieler Marcelo Bordon die Ansicht, die Öffentlichkeit müsse "nicht alles wissen". Der Schalke-Kapitän verweist auch auf eine andere Problematik, wenn auch aus eher sportlichen Gründen: "Wenn ein Gegner weiß, dass einer bei uns mit einem gebrochenen Zeh spielt, wird er da immer drauftreten."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben