Schalke gegen Bayern : Huub Stevens: Der charmante Knurrer

Schalkes Trainer Huub Stevens hat sich verändert, vom unzugängliche Knurrer aus Kerkrade zum freundlichen und charmanten Huub. Nebenbei hat der 58-jährige Niederländer auch den Stil seiner Mannschaft mehr auf die Offensive ausgerichtet.

von
Kontrolliert, aber offensiv. Huub Stevens, Trainer des FC Schalke 04.
Kontrolliert, aber offensiv. Huub Stevens, Trainer des FC Schalke 04.Foto: dpa

Es war ein vehementer Druck auf die Hupe des Mannschaftsbusses. Das Gesicht von Huub Stevens war bereits rot gefärbt, und er hatte einige Zornesfalten auf der Stirn. „Los, komm jetzt endlich“, brüllte er Klaas-Jan Huntelaar entgegen. Der Trainer des FC Schalke 04 hatte schlichtweg keine Lust mehr, auf die wenigen Spieler zu warten, die noch Interviews gaben. Aus Sicht des Holländers war bereits alles gesagt über das Spiel bei Olympiakos Piräus. Wozu also sich noch mit lästigen Fragen herumschlagen? Wer diesen Moment miterlebt hat, der dürfte keine Zweifel daran haben, dass der 58-Jährige noch immer dieser unzugängliche Knurrer aus Kerkrade ist, der außer mit seiner Mannschaft wenig mit dem Umfeld des Profifußballs anfangen kann.

Doch so, wie sich der Stil des Fußballs unter Stevens gewandelt hat, so hat auch der Trainer neue Facetten an sich entwickelt, die so etwas wie kontrollierte Offenheit zulassen. Vor allem dann, wenn die Kameras aus sind und ein persönliches Gespräch möglich ist. Dann wird auch Stevens freundlich und charmant. Er ist in vielen Momenten milder zu sich selbst und zu seinem Gegenüber geworden, ohne allerdings einen Gedanken daran zu verschwenden, auch nur das kleinste Detail aus dem Mannschaftskreis zu verraten. Die innere Hygiene im Team, der aufrichtige Umgang mit seinen Spielern ist eines der Rezepte, die ihn bei all seinen Stationen kennzeichnen.

Dazu gehört es auch, dass Stevens Spielern, die zu Saisonbeginn nicht erste Wahl sind, das Gefühl vermittelt, für das Team wichtig zu sein. Gerade in der Torhüterfrage, im Dreikampf zwischen Timo Hildebrand, Lars Unnerstall und Ralf Fährmann, bewies er viel Fingerspitzengefühl und moderierte die Diskussion in der Öffentlichkeit geschickt. Und auch das große, 18 Jahre alte Talent Julian Draxler baut er behutsam auf, gibt ihm immer wieder auch unerwartete Auszeiten.

Diese Behutsamkeit bringt er auch den Möglichkeiten entgegen, die ihm der von Manager Horst Heldt zusammengestellte Kader bietet. Die Schalker spielen gerade in dieser Saison Angriffsfußball. So offensiv, wie man es sich unter dem Stevens, der die Schalker in seinen ersten sechs Jahren (1996 bis 2002) in Gelsenkirchen mit knarzendem Kampffußball zum DFB-Pokal- und Europapokal-Sieg führte, nicht vorstellen konnte.

„Die Null muss stehen“, das war einer dieser Sätze, die den Trainer bundesweit bekannt machten. Doch diese ausschließliche Haltung scheint Stevens nun aufgegeben zu haben. „Man muss die Möglichkeiten nutzen, die man zur Verfügung hat“, sagt der Trainer. In drei Bundesligaspielen und einer Partie in der Champions League erzielten die Schalker bisher neun Treffer. Dem gegenüber stehen vier Gegentore. „Der Trainer macht einen guten Job. Er hat viel Erfahrung“, sagt Horst Heldt. Der Manager hatte den scheinbar aus der Zeit gefallenen Stevens nach dem krankheitsbedingten Rücktritt von Ralf Rangnick im vergangenen Herbst überraschend verpflichtet. Und der Holländer zahlt Heldt das Vertrauen zurück, indem er seine persönlichen Interessen hintanstellt. Den wirtschaftlichen Zwängen, denen der Klub ausgesetzt ist, hat er sich ohne öffentliches Murren gefügt, bei der Diskussion um die Trennung von Raúl gab er sich so neutral wie ein Schweizer Diplomat.

Stevens konzentrierte sich vom ersten Tag an in erster Linie auf seine Arbeit auf dem Fußballplatz. Bei dem jüngsten Leihgeschäft mit Ibrahim Afellay vom FC Barcelona hat er seine Kontakte zu dem Offensivspieler, der bei ihm früher in Eindhoven gespielt hatte, eingesetzt. Auch wenn ihm das aus Gründen der kollektiven Qualitätsverbesserung nicht schwergefallen sein dürfte. Was Stevens derzeit anfängt, gelingt ihm auch.

Der Trainer hat die Mannschaft in seiner nun rund einjährigen Amtszeit weiterentwickelt. Er hat aus einer guten Mannschaft eine bessere gemacht. Spiele, in denen sie dem Gegner überlegen ist, gewinnt sie nun zumeist auch. Der FC Bayern, dem Stevens noch einen großen Vorsprung vor seiner Mannschaft einräumt, wird am heutigen Samstagnachmittag die erste große Hürde in der Saison sein. „Wir müssen realistisch bleiben“, sagt Huub Stevens, angesprochen auf die Chance, den Münchnern dauerhaft Konkurrenz zu machen. Und plötzlich sind sie wieder da, die Falten auf der Stirn und der bohrende Blick.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben