Sport : Schalke - Hertha BSC: Das Ihr-Gefühl

Stefan Hermanns

Olaf Thon schaut ein bisschen verdutzt. Natürlich kennt er den Journalisten, nach dem er gerade gefragt wurde; aber dass der Journalist inzwischen kein Journalist mehr ist, sondern schon seit zwei Wochen in Schalkes Pressestelle arbeitet - das wusste er bisher noch nicht. An Olaf Thon ist das irgendwie vorbeigegangen. Man muss ihm das nachsehen. Thon hat seine Zeit zuletzt nur selten an seinem Arbeitsplatz auf dem Schalker Vereingsgelände verbracht. Zwangsweise. Seit mehr als einem halben Jahr kämpft er gegen die Folgen einer schweren Verletzung und für die Fortsetzung seiner Karriere in fortgeschrittenem Alter. "Das Rehatraining frisst mich auf", sagt Thon. Immerhin ist das jetzt vorbei: Gestern hat er erstmals wieder mit den Kollegen trainiert.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Es ist natürlich trotzdem eine traurige Geschichte: Da schicken sich die Schalker an, ihre seit Urzeiten erfolgreichste Saison zu bestreiten, und Olaf Thon bleibt kaum mehr als die Rolle des interessierten Zuschauers. Ausgerechnet Olaf Thon, neben Ünal Alpugan einziger gebürtiger Gelsenkirchener in der Mannschaft und der letzte Überlebende aus Schalker Chaostagen. Mit seiner Rückkehr aus München begann 1994 der Aufschwung Schalkes zu einem der führenden Klubs Deutschlands. "Wir haben...", sagt Olaf Thon einmal und korrigiert sich: "Die Mannschaft vielmehr hat eine phänomenale Saison gehabt." Als gehörte er schon gar nicht mehr richtig dazu.

Drei Spiele hat Thon in dieser Saison bestritten, das letzte am 30. September im Hamburger Volksparkstadion. Auf dem holprigen Rasen knickte Thon mit dem rechten Fuß um und zog sich dabei einen doppelten Bänderriss zu - gerade eine Woche nach seinem letzten großen Auftritt. Im Dortmunder Westfalenstadion hatte Thon erstmals in dieser Saison in der Anfangsformation gestanden. Er machte ein überragendes Spiel, und Schalke siegte gegen den Erzrivalen Borussia Dortmund 4:0. Seitdem tragen die Fans aus Gelsenkirchen T-Shirts mit der Aufschrift "Ich war dabei".

Für Thon galt das am Anfang der Saison nur bedingt. In den ersten fünf Spielen saß er lediglich auf der Bank, wurde einmal eingewechselt. "Ich war super", sagt er. Doch Trainer Huub Stevens hatte in der Sommerpause entschieden, nicht mehr mit Libero zu spielen. Thon, der auf dieser Position seine späte Berufung gefunden zu haben glaubte, sah dies als Affront an und trat als Kapitän zurück: "Noch deutlichere Zeichen kann ich nicht geben." Es hatte sich einiges angestaut: Unter anderem war er nicht über die Verpflichtung Andreas Möllers informiert worden. "Muss ja auch nicht sein", sagt Thon. Aber früher sei er eben bei allen wichtigen Entscheidungen dabei gewesen. Hätte Manager Rudi Assauer ihn vor der Saison nach Möller gefragt, "hätte ich erst mal nein gesagt - vom Gefühl her".

Olaf Thon wird am 1. Mai 35 Jahre alt. Sein Vertrag läuft noch bis zum kommenden Sommer. Thon ist sicher, dass er in der nächsten Saison wieder zur Stammelf gehört. "Wenn ich fit bin, spiele ich", sagt er. Ab Sommer 2002 soll Thon dann drei Jahre als Repräsentant für seinen Klub arbeiten. "Ob das erfüllbar sein wird, weiß ja keiner", sagt Thon, und wie die künftige Tätigkeit aussehen soll, auch nicht. Überhaupt hört sich das Ganze ein bisschen so an, als hätte der Verein selbst noch nicht die rechte Ahnung, was er mit Thon anfangen solle. "Das ist auch so", sagt der künftige S04-Repräsentant. Doch "Möglichkeiten sind schon da".

Vielleicht nimmt seine traurige Geschichte ja doch ein glückliches Ende. Trainer Stevens sagt: "Man muss warten, ob er in dieser Saison noch ein paar Minuten spielen kann." Vielleicht schafft es Thon bis zum Pokalfinale, und vielleicht holt er in der Saison, in der er kaum gespielt hat, sogar zwei Titel, die Meisterschaft und den DFB-Pokal. Dass diese Erfolge auch auf seine Autogrammkarten gedruckt würden, "lässt sich nicht verhindern", sagt Thon. "Und in 20 Jahren schwärme ich dann vom Pokalsieg."

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