Sport : Schalke kann verzeihen

Manni Breuckmann

Ja, die Dortmunder, die können Herzensbrecher sein. Vor einer Woche haben sie den alten Leverkusen-Hit „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ angestimmt. An diesem Wochenende ist die Prophezeiung zur Endgültigkeit geworden. Schalke ist Zweiter, wieder mal.

Nein, die Schalker, die lassen sich ihr Herz nicht so einfach brechen. Im Saisonabschiedsspiel feierten sie titelreif, dann waren sie neun Minuten lang Meister, dann wieder nicht. Schalker Fans können auch im Weinen Größe zeigen und ihren Helden auf dem Platz verzeihen. Vielleicht übt die Sache mit dem gebrochenen Herzen ja auch - wenn man Zweiter wird, immer wieder mal.

Schon drei Mal zuvor ist Schalke auf Platz zwei gelandet, erstmals 1972, als sich die bekannten Herren Fischer, Libuda, Rüssmann und Fichtel in der Glückauf-Kampfbahn tummelten. Leider dokumentierten die Bayern damals mit einem 5:1 am letzten Spieltag, dass nur sie die wahren und würdigen Meister waren.

Fünf Jahre später landete Schalke einen Punkt hinter Mönchengladbach, und das war’s für eine lange Weile mit hohen Platzierungen. Es folgten die bösen Achtziger mit drei Abstiegen aus der Bundesliga. Da ging’s drunter und drüber rund um das Parkstadion, die Trainer hießen Siggi Held, Rolf Schafstall oder Didi Ferner, und die Jahreshauptversammlungen waren lustiger als „Die nackte Kanone“.

Und dann, nach dem Wiederaufstieg mit der zweiten Ära Assauer und dem Gewinn des Uefa-Cups, kam das Jahr 2001, in dem viele Schalker zu Philosophen wurden und ihre Meinung zur Existenz eines Fußballgottes neu definierten. Dieses höhere Wesen, falls es existiert, verhinderte am 19. Mai 2001 auf barbarische Weise die achte Meisterschaft der Knappen. Schalke, das im letzten Spiel Unterhaching mit 5:3 schlug und schon überschäumend feierte, war nur vier Minuten und vierzig Sekunden Meister – bis in Hamburg noch ein Bayern-Tor fiel. Diesmal immerhin hatten die Knappen den Titel doppelt so lange inne. Vielleicht reicht es ja irgendwann für 90 Minuten.

Die meisten der letzten Schalker Meistermannschaft von 1958 leben noch und drücken als rüstige Rentner schon mal auf der Tribüne die Daumen: Manni Kreuz, Willi Koslowski („der Schwatte“) und der siebenfache Vater und mehrfache Vorsitzende Günter Siebert etwa. Berni Klodt, der im Finale am 18. Mai 1958 gegen den HSV zwei Tore schoss, ist schon tot. Das gilt auch für Fritzchen Barg aus Datteln, den zwar kaum einer kennt, der aber meine persönliche Brücke zur letzten Schalker Meisterschaft ist. Ich war damals sechs Jahre alt, und mir fiel auf, dass Fritzchen Barg den Zaun rund um seine Stiel-Fabrik (er stellte Holzstiele her) blau-weiß angestrichen hatte. Meine Mutter klärte mich damals auf, warum der Herr Barg das getan hatte: „Der fährt zu den Schalker Spielen und läuft immer um das Stadion rum, weil er zu nervös ist, sich das Spiel auf dem Platz anzugucken.“ Im Reporterberuf kommst du damit nicht weit, und deshalb habe ich in der Arena mitgebibbert und mitverziehen. Ich widme diesen zweiten Platz dem 58er Nervenbündel Fritzchen Barg aus Datteln im Ruhrgebiet.

, 55, berichtet seit mehr als 30 Jahren als Radioreporter von Fußballspielen aus dem Ruhrgebiet. Seit 1981 ist er beim WDR angestellt.

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