Sport : Schalkes neuer Libero

Wie es zum Fehler von Torwart Neuer kam

Jörg Strohschein[Rostock]

Es war einer dieser Schulterklopfer, hinter denen eine freundliche Absicht steckt, die aber nichts anderes als Mitleid ausdrücken. Mathias Schober wollte seinen Mannschaftskollegen Manuel Neuer mit dieser Geste etwas aufrichten, ihm Trost spenden. Aber der Torhüter des FC Schalke 04 reagierte nicht auf Schober. Neuer ging schnurstracks in die Umkleidekabine, um mit sich allein zu sein. Der 21-Jährige hatte das Spiel bei Hansa Rostock (1:1) mit seinem Fehlabwurf in der 56. Minute zu Ungunsten seiner Mannschaft gedreht, damit musste er erst einmal fertig werden. Nutznießer war Rostocks Verteidiger Marc Stein, der das verunglückte Zuspiel Neuers auf Rafinha abfing und den Ball über den weit aus dem Tor geeilten Schlussmann hinweg ins Tor lupfte. Stein brachte seine Mannschaft damit völlig überraschend wieder zurück ins Spiel.

Gerald Asamoah hatte zuvor die Führung der Gäste erzielt, und es sah lange Zeit so aus, dass die Rostocker nicht in der Lage wären, die Schalker noch einmal in Gefahr zu bringen. Doch die Mannschaft von Mirko Slomka versagte ab diesem Zeitpunkt kollektiv, das machte die Sache für Neuer noch schlimmer. Die Schalker präsentierten sich daraufhin als Karikatur einer Spitzenmannschaft, die sich von einem einzigen Gegentor aus dem Konzept hatte bringen lassen.

„Ich habe versucht, das Spiel schnell zu machen, und den Gegenspieler nicht gesehen. Das war mein Fehler, das hat uns den Sieg gekostet“, sagte Neuer nach dem Abpfiff auf den Weg zum Mannschaftsbus. Mehrfach schon hatte der Torhüter genau dieses taktische Mittel in der jüngsten Vergangenheit angewendet. Die Schalker verwandelten dank Neuers bemerkenswerten Abwürfen schon häufiger mal einen abgewehrten Angriff in einen gefährlichen Konter. Im Spiel gegen Hertha BSC resultierte daraus der spielentscheidende Elfmeter. Gegen Hansa jedoch verdrehte sich der vermeintliche Vorteil ins Gegenteil.

Neuer leitet Angriffe ein, spielt eine Art Libero hinter der Abwehr, er interpretiert die Torwartposition auf moderne Art. Deshalb hat Mirko Slomka das große Talent in der vergangenen Saison dem zum HSV abgewanderten Routinier Frank Rost vorgezogen. Doch gegen Rostock wurde wieder das Risiko dieser Personalentscheidung deutlich. Neuer fehlt in einigen Situationen die Erfahrung und Ruhe. Seine Aktionen wirken gelegentlich übereifrig. Auch in der Champions League gegen den FC Valencia, als er sich verschätzte und aus diesem Umstand der entscheidende Gegentreffer resultierte, hatte seine manchmal zu große, jugendliche Spontanität bereits Punkte gekostet. Es ist ein schmaler Grat, auf dem der Schalker Torhüter stets wandelt. „Manuel spielt immer mit hohem Risiko, daran haben wir uns doch in den vergangenen Wochen so erfreut“, nimmt Slomka seinen Torhüter dennoch in Schutz. Zum einen würde allzu harsche Kritik seine eigene Personalpolitik in Frage stellen, zum anderen steht am Mittwoch bereits wieder das nächste Spiel an, in der Champions League geht es zum FC Chelsea. Es bleibt also kaum Zeit, an den Fehlern zu arbeiten. „Wir haben keine Angst vor Chelsea, wir werden uns wieder gut präsentieren“, sagt Slomka. Manuel Neuer wird auch an der Stamford Bridge wieder im Schalker Tor stehen – immerhin um eine Erfahrung reicher.

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