Sport : Schamgrenzen überwinden

Ein Selbsterfahrungskurs in 17 LektionenVon Christ

Letztes Mal ging es an dieser Stelle um Musik, um Frank Zanders traditionelle Hertha-Hymne „Nur nach Hause“ und das Lied „Let me entertain you“ von Robbie Williams, das plötzlich stattdessen lief. Es ging darum, dass das gut war. Und es ging darum, dass man mir bei der Hertha-Fan-Hotline versprach, zum Duisburg-Spiel werde es in Sachen Stadionlied eine große Überraschung geben

In der Tat!

Im Stadion haben sie wieder „Let me entertain you“ gespielt.

Ach so, die Überraschung: Obwohl das Stadion bei „Let me entertain you“ gebebt hatte, obwohl diese Pop-Komposition der Aufregung erwachsener Männer vor einem Fußballspiel gerechter wird als jedes „Däumchen drücken“ vom Frankyboy, beschwerten sich anschließend Hunderttausende bei der Hertha-Fanbetreuung. Alle wollten den Zander wieder hören.

In solchen Momenten wird es verdammt beschwerlich, Hertha lieben zu lernen. Wo liegt der Sinn? Alle Gläubigen zweifeln – sie fragen, wie sie einen Gott lieben können, der Naturkatastrophen zulässt. Doch darf man weder Glauben noch Hoffnung aufgeben. Es wird die Zeit kommen, in der Hertha eine schöne Hymne singt. Bestimmt. Denn Hertha ist wandlungsfähig. Das beweist ihre Vergangenheit. Dieses Mal geht es an dieser Stelle um Sex.

Kleine Vorrede noch: Hertha ist heute eine der jüngsten Mannschaften der Liga und verfügt über eine der erfolgreichsten Jugendkaderschmieden in Deutschland. Das war nicht immer so.

Unter Jürgen Röber zum Beispiel hatte die Jugend bei der Hertha nichts zu melden, sagt man. Folgende Anekdote kursiert dazu auf Spandauer Bolzplätzen: Dieter Hoeneß, so munkelt man, habe Röber irgendwann befohlen, sich endlich mal ordentlich um den Nachwuchs zu kümmern. Der habe daraufhin brav alle Jugendtrainer und Jugendkoordinatoren des Vereins in sein Büro bestellt. Die kamen auch, aber der Jürgen ließ auf sich warten. Nach geraumer Zeit, so geht die Legende, sei der Jürgen durch eine Verbindungstür aus einer Art privatem Badezimmer ins Büro getreten. Jetzt ist unter Fußballmännern eine gewisse Freizügigkeit nicht außergewöhnlich, aber Röber eröffnete das überlebenswichtige Meeting zur Besprechung der Jugendsituation bei Hertha BSC und damit auch zur Sondierung einer dauerhaften Vereinsperspektive, indem er sich breitbeinig auf einen Lederstuhl setzte. „Dann erzählt mal“, soll er gesagt haben.

Jürgen Röber war nackt.

Ein Jugendbeauftragter begann dann angeblich hemmungslos, von seiner Jugendarbeit zu erzählen. Röber machte den Angaben zufolge „mh mh“ und zog sich den linken Socken an. Er machte „aha“ und zog sich den rechten Socken an. Als der Jugendbeauftragte zu Ende erzählt hatte und Röber vollständig bekleidet war, schnappte er sich seinen Mantel vom Haken, murmelte: „Jaja, interessant. Danke, Jungs, tschüss“ und ging.

Was auch immer an diesem Gerücht dran ist: Hertha ist ab sofort dafür zu lieben, dass es diese Geschichte gibt. Dass der Verein mit den besten jungen Spielern früher die Nachwuchsarbeit unter erschwerten Bedingungen besprochen hat, macht Hoffnung, dass die Frage der Fankultur später ebenfalls tiefgehend diskutiert wird.

Christian Ulmen, 30, ist Schauspieler und Hertha-Fan. Immer wenn Hertha in der Bundesliga ein Heimspiel hat, erscheint seine Kolumne an dieser Stelle.

Ein Selbsterfahrungskurs in 17 Lektionen

Von Christian Ulmen

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