Sport : Schatten über Marokko

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Jörg Wenig über die Folgen

eines Betrugs

Für Hicham El Guerrouj ist eine Welt zusammengebrochen. Sein Sieg über 1500 m beim Golden-League-Meeting am Freitag in Brüssel war kein Thema, der Marokkaner muss reden, nicht über seine Leistung, sondern über Doping. Der Mann, der Guerrouj das Herz gebrochen hat, es ist ausgerechnet ein Landsmann des laufenden Botschafters. Und ein Betrüger. Brahim Boulami. Vor zwei Wochen noch wurde der Hindernisläufer in Zürich für seinen Weltrekord gefeiert, jetzt steht er da als derjenige, der all das kaputtgemacht hat, was der große Guerrouj in den zurückliegenden Jahren aufgebaut hat. Bei Boulamis Lauf war Doping, war Epo im Spiel. Und niemanden trifft das mehr als seinen Landsmann Hicham El Guerrouj. Der sieht nicht nur sich, sondern ganz Marokko diskreditiert.

Patrick Sang, früherer kenianischer Weltklasse-Hindernisläufer und heute als Trainer tätig, hatte nach Zürich prophezeit, dass jener Boulami in Brüssel den Weltrekord auf unter 7:50 Minuten drücken könnte – außer Reichweite für alle Kenianer. Dazu kam es zum Glück nicht, weil Brahim Boulami nach dem positiven Epo-Test nicht mehr dabei war. Guerrouj schlug die Hände vor das Gesicht, als er antwortete. Er fürchtet um den Ruf der marokkanischen Läufer insgesamt. Auch er wäre dann betroffen. Seine Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Guerrouj hatte in der Öffentlichkeit stets und vehement gegen Doping gekämpft und angekündigt, er würde im Falle eines positiven Test all das Geld zurückzahlen, das er im Sport verdient habe.

Der 1500-m-Weltrekordler fängt an zu erzählen von Marokkos großen Läufern vergangener Tage: Said Aouita oder Khalid Skah. „Wir haben eine gute Reputation aufgebaut. Jetzt habe ich Angst, dass Schatten auf Marokkos Leichtathletik fallen.“ Schließlich ist es erst gut einen Monat her, dass ein anderer prominenter marokkanischer Langstreckler mit Epo im Blut erwischt worden war: Mohammed Mourhit, der allerdings seit 1997 die belgische Staatsbürgerschaft besitzt und daher Europarekorde über 3000 m, 5000 m und 10 000 m aufstellen konnte.

Weltrekorde, die in der Leichtathletik mit Epo in Verbindung gebracht werden, sind vor allen Dingen die Bestmarken der Chinesinnen, die über 1500 m, 3000 m und 10 000 m schon 1993 Fabelzeiten liefen. Nun zählt auch jener Hindernis-Weltrekord von Brahim Boulami dazu, den dieser vor einem Jahr in Brüssel gelaufen war. Diese 7:55,28 Minuten hatten den Weltruhm des Marokkaners begründet. Ruhm, der auf Betrug basierte, wie man heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen kann.

Im Kampf gegen Epo tappten die Dopingfahnder lange Zeit im Dunkeln. Erst seit rund zwei Jahren gibt es die Möglichkeit, das Mittel nachzuweisen. Nun zeigen die Kontrollen Erfolge. Brahim Boulami wird nicht der letzte Epo-Fall gewesen sein. Auf den ersten Blick schaden diese Fälle natürlich dem Image der Leichtathletik, doch gleichzeitig steigt die Chance, dass es den Betrügern bald zu riskant wird, mit Epo im Blut zu laufen.

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