Sport : Scheibenpech

Deutschland war dicht dran, Kanada aus der Eishockey-WM zu werfen – und verlor doch

Sven Goldmann

Turku. Wenn der Puck so übers Eis gleitet, wie es Hans Zach gefällt, dann spricht der Bundestrainer gern vom Scheibenglück. Gestern, im Viertelfinale der Eishockey-Weltmeisterschaft in Finnland, hatte sich alles Scheibenglück der Welt gegen die deutsche Nationalmannschaft verschworen. Das war nach 37 Sekunden der Verlängerung, als ein harmloser Schuss des Kanadiers Eric Brewer aufs deutsche Tor flog und der nur deshalb Torhüter Robert Müller passierte, weil diesem durch einen Zweikampf zwischen Jan Benda und dem Kanadier Ryan Smith die Sicht versperrt war. Smith wurde denn auch mehr gefeiert als der Torschütze nach diesem 3:2 (1:0, 1:0, 0:2/1:0)-Sieg, der Kanada den Einzug ins Halbfinale bescherte.

„Das müssen wir jetzt erst einmal verkraften“, sagte Jan Benda. Er und seine Kollegen hatten im Schlussdrittel einen 0:2-Rückstand aufgeholt, aber am Ende blieb zum sechsten Mal seit 1992 nur die Teilnahme am Viertelfinale. „Die Mannschaft hat heroisch gekämpft, ich bin stolz auf sie“, sagte Bundestrainer Zach. „Schade, so dicht wie diesmal waren wir noch nie am Halbfinale dran.“

Dass dieses Viertelfinale vor 6000 Zuschauern in Turku so dramatisch enden würde, war lange Zeit nicht abzusehen. Die Deutschen waren müde, gezeichnet vom letzten Zwischenrundenspiel gegen Finnland, das erst 18 Stunden zuvor beendet worden war. Beim 2:2 gegen den WM-Gastgeber hatten die Deutschen mit Sven Felski und Mirko Lüdemann zwei wichtige Spieler verloren. Der Berliner Felski wird nach seinem Kreuzbandriss mindestens ein halbes Jahr ausfallen. Den Kölner Lüdemann erwischte es nicht ganz so schlimm, doch angesichts eines doppelten Rippenbruchs war an einen Einsatz im Viertelfinale nicht zu denken. Zuvor waren bereits Boris Blank und Jochen Molling verletzungsbedingt ausgefallen.

Das derart dezimierte deutsche Team hatte große Mühe, ins Spiel zu finden. Die ausgeruhten Kanadier dominierten zunächst deutlich und gingen schon nach drei Minuten in Führung. Ryan Smyth von den Edmonton Oilers war um das deutsche Tor herumgekurvt und stocherte den Puck am kurzen Pfosten unter der Fanghand von Torhüter Robert Müller über die Linie. Bauerntrick nennen die Eishockeyspieler diese etwas antiquierte Art, ein Tor zu erzielen. Auf internationaler Ebene passiert so etwas eher selten. Die Kanadier hatten das Spiel im Griff, und als Daniel Briere nach einer halben Stunde zum 2:0 traf, schien schon alles entschieden.

Das war nach einer halben Stunde, und die deutschen Angriffsbemühungen erschöpften sich zu diesem Zeitpunkt auf Gelegenheiten, wenn mal ein Kanadier auf der Strafbank saß. Weil das mit zunehmender Spielzeit immer häufiger der Fall war, ergaben sich plötzlich auch Torchancen für die Deutschen.

Die erste vergab der Düsseldorfer Daniel Kreutzer, als ihm frei vor Kanadas Torhüter Sean Burke offensichtlich bleischwere Müdigkeit in den Arm fiel. Die zweite nutzte zu Beginn des Schlussdrittels der Iserlohner Lasse Kopitz, als der Kanadier Steve Reinprecht gerade von der Strafbank zurück aufs Eis geeilt war. „Dieses Tor hat uns die Kraft für den Endspurt gebracht“, sagte Zach. Jetzt war die deutsche Mannschaft im Spiel. Kreutzer schaffte den Ausgleich, und kurz vor Schluss hatte Klaus Kathan sogar den Siegtreffer auf dem Schläger.

Der späte Bruch im Spiel war wohl die Strafzeit gegen den Krefelder Daniel Kunce kurz vor Schluss. Da das WM-Reglement für die Verlängerung ein Spiel mit nur je vier Feldspielern vorsieht und Kunces Strafzeit weiterlief, begann die Overtime mit einer 3:4-Unterzahlsituation für die Deutschen. „Da musst du viel mehr laufen als bei einer normalen Unterzahl", sagte Benda. „Und bei einem Schlagschuss liegt die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent, dass er reingeht.“ Das späte Scheibenglück, es lag am Mittwoch bei Kanada.

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