Sport : Scheidung auf dem Eis

Eiskunstlaufverband riet Mirko Müller ab, mit Sarah Jentgens zu laufen – nun tritt er zurück

Benedikt Voigt

Berlin. In einem Fragebogen musste der Eiskunstläufer Mirko Müller vor ein paar Jahren angeben, welche drei Dinge er auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Er sagte damals: meine Freundin, mein Telefon und meine Schlittschuhe. Heute sähe diese Liste anders aus. „Meine Freundin ist jetzt meine Frau“, sagt der 27-Jährige, „und wir haben einen eineinhalbjährigen Sohn.“ Beide würde der Paarläufer inzwischen viel lieber für den Trip auf die Insel mitnehmen als das Telefon. „Und die Schlittschuhe würde ich jetzt auch zu Hause lassen.“

Mirko Müller trat gestern vom Leistungssport zurück. „Die sportliche Leistung hat sich nicht so entwickelt, wie ich mir das gewünscht habe“, erklärt Müller, „wir sind nicht da, wo ich sein wollte.“ Die fehlende sportliche Perspektive mit seiner Paarlauf-Partnerin Sarah Jentgens ist der Hauptgrund dafür, dass der Berliner seine Laufbahn beendet. Mit Jentgens’ Vorgängerin Peggy Schwarz nahm Müller 1998 an den Olympischen Spielen in Nagano teil und gewann bei der Weltmeisterschaft die Bronzemedaille. „Ich wollte mit Sarah dahin, wo ich mit Peggy war, das haben wir nicht geschafft.“ Nun wolle er mehr Zeit mit der Familie verbringen und sich auf sein Studium konzentrieren. Doch es gibt noch einen Grund, der ihm in den letzten Jahren das Paarlaufen verleidete: die Deutsche Eislauf-Union (DEU). „Der Verband hat uns nie unterstützt, das ist demotivierend.“

Als Müller im Jahr 2000 Sarah Jentgens als neue Partnerin auswählte, sperrte sich die DEU gegen diese sportliche Liaison. Die 19-Jährige war damals magersüchtig. „Die DEU weigerte sich, die Verantwortung zu übernehmen“, erzählt Müller. Bei einem Treffen mit der DEU-Präsidentin Angela Siedenberg hätten er und Trainer Knut Schubert die Verantwortung übernehmen sollen. Fortan fühlte sich der Paarläufer im Stich gelassen. „Man hat mir abgeraten, mit Sarah zu laufen, aber man hat mir auch keine Alternativen gezeigt“, sagt Müller, „das war sehr unbefriedigend.“ Neben finanzieller Unterstützung erhoffte er sich auch Hilfe durch Doktoren und Physiotherapeuten der DEU.

Angela Siedenberg, die bis zum Juli 2002 Präsidentin der DEU war, wehrt sich gegen diese Vorwürfe. Müller sei sehr wohl unterstützt worden, da er einen der wenigen Plätze in der Sportfördergruppe erhalten habe. „Der Verband hat eine Verantwortung für die Sportler“ sagt Siedenberg. Als Lehrerin kenne sie sich mit Bulimie aus. „Der Sport ist ein Vehikel, das diese Menschen benutzen, um zu kaschieren, dass sie an dieser Krankheit leiden – das ist sehr gefährlich.“ Die DEU verlangte, dass Jentgens unter ständiger ärztlicher Kontrolle ist. „Wir wollten ein Attest darüber, dass sie leistungssporttauglich ist“, sagt Siedenberg. Alternativen zu Jentgens zu suchen, sei nicht Aufgabe der DEU. „Das ist Sache der Paarlauftrainer.“

Irgendwann kam der Zeitpunkt, als Mirko Müller das Problem selbst lösen wollte. „Ich sagte mir: Sarah ist die Richtige, ich ziehe das jetzt durch.“ Er fühlt sich bestätigt. „Sarah ist nicht gestorben“, sagt Müller. Mit seiner neuen Partnerin gewann er 2002 den deutschen Meistertitel. „Das war eine Riesenleistung für sie.“ Nach Müllers Auskunft geht es Sarah Jentgens inzwischen gut. „Sie ist körperlich sehr stabil“, sagt der Eiskunstläufer, „die Bulimie ist überwunden.“ Was aber wird die 20-Jährige nach seinem Rücktritt machen? Müller sagt: „Sie muss selber entscheiden, ob es sich lohnt weiterzulaufen.“

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