Sport : Scheidungskind mit 28

Nick Heidfeld hat lange gebraucht, um in die Formel-1-Spitze zu kommen – die Trennung von Williams und BMW bedroht seinen Erfolg

Frank Bachner[Hockenheim]

Bis jetzt hatte Nick Heidfeld locker sein rechtes Bein über seinem linken Knie angewinkelt. Aber nun nimmt er es runter und stemmt es fest auf den Boden. Denn es wird ernst im Motorhome von BMW-Williams. Die Fragen nach dem drei Wochen alten Baby, nach dem Schlafmangel, nach der Ablenkung, die das Baby nach einem verpatzten Rennen darstellt, die sind abgehandelt. Jetzt will einer wissen: „Wie fühlen Sie sich beim Gedanken an ihre Zukunft in der Formel 1?“ Da zieht der Rennfahrer die Schultern hoch und sagt nüchtern: „Das belastet mich nicht. Ich habe einen viel höheren Stellenwert als früher. Ich möchte auch im nächsten Jahr im Cockpit eines Spitzenteams sitzen.“ Später schiebt er nach: „Ich möchte Weltmeister werden.“ Keinen Satz sagt er nachdrücklicher in diesem Interview am Hockenheimring als diesen. Das heißt: Er sagt ihn weniger tonlos als die anderen Sätze.

Nick Heidfeld fährt seit Dezember 2000 Formel-1-Rennen, aber er ist immer noch dieser schmächtige Kerl aus Mönchengladbach, der große Sprüche nicht mag und Selbstdarstellung nicht kann. Leistung, sagt er, muss auch in der schrillen Welt der Formel 1 genügen, um nicht unterzugehen. Vier Jahre lang spürte er, dass er falsch lag. Seit der Saison 2005 fährt der 28-Jährige für ein Spitzenteam, für BMW-Williams. Heidfeld ist 28, er ist am Ziel. Auf dem Papier jedenfalls.

In Wirklichkeit nimmt Nick Heidfeld immer noch die Rolle, die er schon immer innehatte: Er ist ein Spielball der Formel-1-Politik – wenn auch ein bedeutenderer als früher. Motorenlieferant BMW trennt sich am Ende der Saison von Williams und macht mit Sauber weiter. Heidfeld, der auf Druck von BMW bei Williams unterkam, weiß nicht, wo er anschließend fährt; wie ein Scheidungskind, das nicht weiß, ob es künftig bei Vater oder Mutter lebt. Angeblich hat Frank Williams eine Option auf ihn und könnte Heidfeld verpflichten, 2006 für ihn zu fahren – für ein Team, dessen Perspektiven ungewiss sind. Es könnte zum Deal kommen: Williams gibt Heidfeld für BMW frei, im Gegenzug senkt BMW den Preis für die Motoren, sollte BMW dann Aggregate an Williams vermieten. Andere Optionen drängen sich Heidfeld nicht gerade auf. Er hat zwar zweimal Platz zwei belegt in dieser Saison, fährt aber seither weit hinterher. Gestern, im Qualifying zum Großen Preis von Deutschenland auf dem Hockenheimring (Sonntag, 14 Uhr, live bei RTL und Premiere), belegte er nur Platz sieben. Und deshalb ist die Frage nach seiner Zukunft hochinteressant.

Aber Nick Heidfeld lässt dieses Thema nicht an sich heran, nicht öffentlich jedenfalls. Heidfeld verschanzt sich hinter Stereotypen, oder er sagt gar nichts. Die Option? „Kein Kommentar.“ Der Alltag vor dem Hintergrund der ungewissen Zukunft? „Wir arbeiten da ganz professionell weiter. Im Team gab es weniger Unruhe wegen der Trennung, als ich gedacht habe.“ Heidfeld ist ein Profi, der weiß, wie weit er gehen kann.

Aber es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie hart es für ihn gerade ist. Sein lang erarbeiteter Erfolg droht in kürzester Zeit wegzubrechen. Seine Fanpost hat sich vervielfacht in dieser Saison, die Anfragen nach Interviews haben sich verdoppelt. Beim Großen Preis von Kanada in Montreal kam sogar am Donnerstag vor dem Rennen ein Reporter des britischen Fernsehsenders ITV mit einem Mikro zu ihm. „Nick ist jetzt wichtig. Wir brauchen von ihm jetzt auch am Donnerstag ein paar Sätze“, sagte der Journalist.

Früher war an Nick Heidfeld eigentlich nur die Zahl seiner Demütigungen interessant. Bei Sauber beherrschte er den Teamkollegen Kimi Räikkönen, doch zum Topteam McLaren-Mercedes wechselte der Finne. Schließlich entließ ihn Peter Sauber zugunsten des Ferrari-Zöglings Felipe Massa. Das war Teil eines Deals mit Ferrari. Bei Jordan fuhr Heidfeld 2004 quasi zum Nulltarif in einem langsamen Auto. Und vor dieser Saison musste Heidfeld endlose Testduelle mit Antonio Pizzonia absolvieren, der zwar nicht die besseren Resultate, aber die Sponsorengelder einer Ölfirma vorweisen konnte. Vor dieser Saison, sagt Heidfeld, „habe ich zu Hause viel nachgedacht. Es war eine sehr schwierige Zeit.“ Vergangenheit. Der Aufstieg kam. Aber ein bisschen steiler hätte er sich den bei BMW-Williams schon vorgestellt. „Unsere letzten Rennen waren sehr bescheiden“, sagt Heidfeld. „Ich hoffe, dass wir in Hockenheim in die Punkte fahren. Das wäre ja schon mal ein Fortschritt.“

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