Sport : Scherze in Aserbaidschan

Nationaltrainer Berti Vogts wird in Baku ruppig behandelt – und freut sich auf die Heimreise

Gregor Derichs[Baku]
Berti in Baku. In Aserbaidschan bleibt sein seltsamer Humor unverstanden. Foto: dpa
Berti in Baku. In Aserbaidschan bleibt sein seltsamer Humor unverstanden. Foto: dpaFoto: dpa

Der Humor von Berti Vogts ist manchmal seltsam. Das muss man wissen, wenn man verstehen will, was sich am Wochenende in Baku ereignet hat. Als Fußball-Nationaltrainer von Aserbaidschan stand der 64-Jährige nach dem 1:2 im EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan in der Kritik, obwohl die Kasachen fußballerisch auf der gleichen bescheidenen Höhe stehen. Die Zeitungen verbreiteten vor dem Spiel am Dienstag gegen Deutschland Weltuntergangsstimmung, und das dürfte der Grund gewesen sein, warum Berti Vogts in einer Pressekonferenz jenen Scherz machte, mit dem alles begann: Er könne sofort zurücktreten, sagte er, wenn er sich beeile, würde er eine Stunde später einen Flug nach Istanbul bekommen.

Die aserbaidschanischen Journalisten wittern eine Chance, diesen oft so besserwisserischen Deutschen, der die eigenen Spieler immer klein redet, los zu werden. Vogts betont noch einmal, leicht genervt, er klebe doch nicht an seinem Sessel. Die Presseleute applaudieren. Aber nur der Präsident könne ihn vor dem Ablauf des Vertrages im Dezember entlassen. Vogts genießt die Show, das deutsche Fernsehen ist auch dabei.

Der Medientermin ist zu Ende, vor der Tür nähern sich dort wartende Journalisten. Einen Waschkrug, einer Gießkanne ähnelnd, und Klopapier-Rollen tragen die Männer bei sich. Der Akt ist ein herber Scherz, eine Demütigung. Vogts soll nassgespritzt werden, eine Klorolle streift ihn leicht. Von Gewalt, Schlägen oder Hieben keine Spur, berichten Augenzeugen. Vogts ist irritiert, aber nicht erschreckt. Doch wenig später erzählt er einem deutschen Journalisten von einem „tätlichen Angriff“. Er findet die Kurve nicht von seiner Show zuvor. Er zahlt einfach zurück, da ihm die Aserbaidschaner zugesetzt haben. Er kann auch ein Sturkopf sein. Er malt den Vorfall aus, er spricht von „bezahlten Schlägern“, gekauft von den Klubtrainern des Landes, die ständig gegen ihn agitieren.

Einer gegen alle, so hat er sich schon als deutscher Bundestrainer gefühlt, so sah er sich manchmal als Coach von Schottland und immer als Nationaltrainer Nigerias, so handelt er als auch Chefcoach von Aserbaidschan. Er lebt in Deutschland und fliegt nur alle paar Wochen ans Kaspische Meer mit Assistenztrainer Olaf Janssen und Torwarttrainer Uli Stein, immer mehrere Tage vor einem Länderspiel, um alle Vorbereitungen zu treffen, aber viel zu kurz nach Meinung seiner Kritiker. Dann sitzt er 25 Kilometer vor Baku am Flughafen in einem Hotel. Zwei Einheimische im Trainerstab und der Dolmetscher sorgen für die sprachliche Verbindung zu den Spielern, von denen kein einziger im Ausland spielt.

Rownag Abdullajew, der Präsident des aserbaidschanischen Verbandes, hielt lange zu ihm, obwohl es auch ihm nicht schnell genug geht. „Sie meinen, sie könnten Weltmeister werden“, sagt Vogts. „Dabei leiste ich hier Entwicklungshilfe“. Die Prestigeerfolge gegen Russland, ein 1:1 gegen die ehemalige Hegemonialmacht in der letzten WM-Qualifikation sowie das 1:0 gegen die Türkei, dem großen Vorbild der Nation, in der EM-Qualifikation halfen Vogts nicht, seinen Stellenwert zu verbessern. Dass er geäußert hat, das Spiel gegen Deutschland sei nicht zu gewinnen, nahmen sie ihm übel. Am Montag leitete Vogts wieder das Training. In der Pressekonferenz der deutschen Mannschaft meldet sich ein aserbaidschanischer Journalist zu Wort: „So einen Überfall, über den in Europa berichtet wird, hat es nicht gegeben. Wir sind kein Land der Barbaren.“ Nur zu ihrem Nationaltrainer seien sie ein wenig ruppig. „Ich freue mich, am Mittwoch wieder im Flugzeug nach Hause zu sitzen“, sagt Vogts und grinst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben