Sport : Scheu und stark

Bevor Thomas Ulrich auf Rocchigiani trifft, muss er Samstag Silvio Branco schlagen

Michael Rosentritt

Berlin. Öffentliche Auftritte mag er nicht. Dabei kann Thomas Ulrich sich sehen lassen. Er ist groß, blond und blauäugig – ein Beau. Thomas Ulrich aus Spandau ist „ein Boxer mit einem Filmgesicht“, schwärmte Wolf-Dieter Poschmann, Sportchef des ZDF, das seit vorigen Sommer die auch die Boxkämpfe von Thomas Ulrich überträgt. Es gibt schlechtere Voraussetzung für einen jungen Mann, der berühmt werden will.

Den ersten Schritt hat der 27-Jährige gemacht. Im Oktober vergangenen Jahres wurde er Europameister im Halbschwergewicht. Und dieses Limit gilt nicht erst seit Henry Maske als das lukrativste nach dem Schwergewicht. Dem Spandauer stehen alle Türen offen. „Er wird den EM-Titel noch ein-, zweimal gegen gute Leute verteidigen“, sagt sein Trainer Fritz Sdunek. „Dann ist er reif für eine WM.“ Am Sonnabend wird er im Estrel Convention Center in Neukölln seinen Titel gegen Silvio Branco verteidigen. Der in der Hafenstadt Civitavecchia in der Nähe von Rom lebende Italiener kommt mit einigen Empfehlungen nach Berlin. Der Herausforderer (46 Siege/5 Niederlagen/2 Unentschieden) ging mit IBF-Weltmeister Sven Ottke über zwölf Runden, unterlag ihm knapp nach Punkten. Und er besiegte Glencoffe Johnson, dem Thomas Ulrich vor eineinhalb Jahren in Berlin noch unterlegen war. „Wir sind nach Deutschland gekommen, um den Titel zu holen“, sagte Branco. „Ich habe viel von Ulrich gesehen, aber wir haben keine Angst.“

„Wir unterschätzen Branco keinesfalls“, sagte Ulrichs Trainer Fritz Sdunek. Ulrich zeigte sich überzeugt, dass er gegen den neun Jahre älteren Gegner keinesfalls die zweite Niederlage in seiner Profi-Karriere kassieren wird. „Ich habe damals Fehler gemacht, die ich heute so nicht wieder machen werde“, sagte Ulrich. „Seitdem ich bei Fritz Sdunek trainiere, bin ich viel stabiler geworden und boxe taktisch klüger. Außerdem bin ich guter Dinge, weil ich mich im Trainingslager auf Gran Canaria gut vorbereitet habe“, sagte der Titelverteidiger.

Sollte Ulrich seinen 25. Profikampf gewinnen, winkt ihm ein Prestigekampf gegen Graciano Rocchigiani. „Der Kampf gegen Branco hat Vorrang, aber natürlich mache ich mir schon Gedanken über einen Kampf gegen Rocky. Ich bin bereit“, sagte Ulrich. Ein solches Duell zeichnet sich schon seit Wochen ab. Als möglicher Zeitpunkt gilt ein Termin im Mai oder Juni. „Wir arbeiten darauf hin“, sagt Peter Hanraths von der Universum Box-Promotion. „Aber unterschreiben ist noch nichts.“

Derzeit bereitet sich Rocchigiani auf diesen Kampf vor. Ende vergangenen Jahres kam der 39-jährige ehemalige Weltmeister nach 279 Tagen Haft wieder auf freiem Fuß. Am Samstag wird Graciano Rocchigiani am Ring sitzen und den Kampf seines möglichen nächsten Gegners verfolgen. „Thomas Ulrich ist ein intelligenter und talentierter Boxer, der ordentlich hauen kann“, sagte Rocchigiani. „Er muss aber erst mal Branco schlagen.“ Und das in aller Öffentlichkeit.

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