Sport : Schicht im Schacht

Box-Weltmeister Sven Ottke überrascht alle: mit einem ungewohnt aggressiven Kampf und seinem Rücktritt

Hartmut Scherzer

Magdeburg. Für Sven Ottke hat der letzte Gong geschlagen. Um 0:12 Uhr nach 12:0 Runden gegen den überforderten Schweden Armand Krajnc verkündete der Weltmeister im Supermittelgewicht seinen Rücktritt. Noch im Ring der ausverkauften Magdeburger Bördelandhalle vor 8000 begeisterten und singenden Zuschauern. „Schicht im Schacht“, wie der Champion zu sagen pflegt. Der überlegene Punktsieger war standesgemäß ausgerufen, die beiden bombastischen Gürtel der Verbände IBF und WBA waren um die Hüften geschnallt, da bat Sven Ottke ums Mikrofon und um fünf Minuten Redezeit. „Alles nicht so einfach. Ihr wisst, was jetzt kommt. Ich habe gesagt, dass ich in Magdeburg aufhöre. Das tue ich jetzt hiermit.“ Ende der Rücktrittserklärung des 36-Jährigen, der also Wort gehalten hat mit dem Versprechen: „Mit 37 sehe ich mich nicht mehr im Ring.“ Dieses Zeitfenster schließt sich in zwei Monaten, am 3. Juni.

Sven Ottke hat mit seinem Abschied zum jetzigen Zeitpunkt so ziemlich alle überrascht, auch seinen Manager Wilfried Sauerland, der bereits die Berliner Waldbühne und den 10. Juli für eine große Abschiedsgala mit Phil Collins als Entertainer reserviert hatte. Sauerland fragte ahnungsvoll nach dem letzten Gong im allgemeinen Trubel im Ring: „War’s das?“ Ottke bestätigte: „Jetzt ist Schluss.“ Seine Frau Gabi, die sich den Rücktritt schon lange so sehr gewünscht hatte, wusste nichts und sei deswegen „angezickt“, verriet Sven Ottke.

Mancher in seinem Umkreis war freilich von einer Vorahnung beschlichen worden, als sich der Boxchampion am Vortag allzu hektisch darum bemühte, ein fabrikneues Cabriolet, Marke BMW Z4, zum Kampfabend in die Halle zu bringen. Doch weil das technisch irgendwie nicht ging, wurde das Abschiedsgeschenk für seinen Trainer in einem Hotelsaal geparkt. Ottke rührte im Ring mit einer Miniaturausgabe des luftigen Autos Ulli Wegner zu Tränen. „Eben“, stammelte Wegner gerührt und mit bebender Stimme auf die Frage, wann er denn vom Rücktritt seines Schützlings erfahren habe, selbst wenn er sich während der letzten Runde Tränen getrocknet hatte. Für das kostbare Geschenk nach fast 15-jähriger Zusammenarbeit fand der Trainer „keine Worte“. Nur wieder Tränen.

Die Inszenierung seines Rücktritts war Sven Ottke vollauf gelungen, natürlich auch mit seinem spektakulären letzten Kampf, dem 34. als Profi, dem 21. als Weltmeister. Unbesiegt, nur siegreich und höchst eindrucksvoll als Super-Champion abzutreten, das war nicht einmal Max Schmeling und Henry Maske vergönnt. Sven Ottke hingegen hatte zum Finale noch einmal einen mitreißenden, begeisternden Kampf geboten, dabei völlig untypisch geboxt: als Fighter, nicht als Flitzer. Mit hohem Tempo, ungewohnter Aggressivität, mit schnellen Hakenserien in der Halbdistanz demoralisierte er den Herausforderer. Sven Ottkes letztes Hurra wurde zu einem wahrhaft großen Abgang. Ein Platz in der Ruhmeshalle deutscher Boxlegenden ist ihm sicher, zwischen Schmeling und Maske. Und zur Besonderheit seiner Karriere gehört sicherlich, dass der Wessi zum Liebling der Ossis wurde.

Aufgedreht und ausgelassen wie ein Abiturient nach Note eins im Examen genoss Sven Ottke seinen Abschied. Nie wieder Schule, nie wieder Ring. Der schnelle Techniker boxte stets nach der Maxime: „Was nutzt mir die Kohle, wenn ich eines Tages nicht mehr weiß, wie ich heiße?“ Ottke hatte stets den Ehrgeiz zu zeigen, „dass ich der bessere Boxer bin, und nicht der, der mehr verträgt“. Zum Schluss, nach den zuletzt nicht gerade berauschenden Auftritten, wollte Ottke noch einmal „zeigen, was ich kann“. Und nun? Die große Leere? Nein, volles Programm: Golfurlaub im April auf Fuerteventura. Besuch der Olympischen Spiele. Vor Athen wird die krumme Boxernase noch gerichtet. Ab September lässt sich der Ex-Boxer dann im Golfklub St. Leon-Rot bei Heidelberg in zweieinhalbjähriger Lehrzeit zum Golflehrer ausbilden.

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