Sport : Schichtwechsel

Bisher war Wolfsburg vor allem Volkswagen – durch den VfL findet die Stadt zu einer zweiten Identität

Steffen Hudemann[Wolfsburg]

Wie eine Burg überragt das Wolfsburger Theater die Stadt. Das Haus auf dem Klieversberg ist ein Wahrzeichen, nachts leuchten Scheinwerfer das Gebäude an, damit es von fern sichtbar ist. Von seinem Schreibtisch blickt Intendant Hans Thoenies hinunter auf die Stadt, auf das Planetarium, das Rathaus, das neue Kunstmuseum. „Es ist unglaublich, was sich hier alles verändert hat“, sagt er. Als der Intendant vor 14 Jahren nach Wolfsburg kam, war das 1973 nach einem Entwurf von Hans Scharoun, dem Architekten der Berliner Philharmonie, erbaute Theater die einzige Attraktion in einer langweiligen Stadt. Heute sagt Thoenies: „Die Leute schämen sich nicht mehr zu sagen, dass sie aus Wolfsburg kommen.“

Innerhalb weniger Jahre hat sich die Arbeitslosigkeit in der Stadt halbiert. Und es gibt mehr junge Menschen als vor zehn Jahren. Nicht viele Städte in Deutschland können das von sich behaupten. Vor allem aber haben die Wolfsburger jetzt etwas, das ihnen eine Identität jenseits von Volkswagen gibt: einen erfolgreichen Fußballverein. Lange stand der VfL in dieser Saison an der Tabellenspitze der Bundesliga, erst am vergangenen Spieltag wurde die Mannschaft von Rekordmeister Bayern München überholt. „Das Problem der Stadt war die Reduzierung auf Volkswagen. Nun haben die Leute ein zweites Standbein“, sagt Klaus Fuchs, Geschäftsführer der VfL Wolfsburg Fußball GmbH.

Als er im Mai 1999 aus Karlsruhe in die Stadt kam, war Fuchs mit allen Vorurteilen beladen, die man gegenüber Wolfsburg haben kann: Industriestadt, früheres Zonenrandgebiet, weit ab von jedem Leben. Doch Fuchs hatte in Wolfsburg eine Aufbruchstimmung entdeckt. Der VfL war zwei Jahre zuvor in die Erste Liga aufgestiegen, hatte sich gleich für den Uefa-Cup qualifiziert. Die Stadt plante im Zuge der Expo in Hannover neue Attraktionen wie die Autostadt, eine Art Motorerlebniswelt am Bahnhof.

„Es ist alles eingetroffen, was ich mir erhofft hatte“, sagt Fuchs. Das Stadion, der neue Stolz der Stadt, ist vor zwei Jahren bezogen worden. Die Stadt hat sich zur Hälfte an den Kosten beteiligt. Die Arena hat 30 000 Plätze. Die Zuschauer sitzen nah am Spielfeld. In die alte Heimat, das zugige und kaum überdachte VfL-Stadion, wünscht sich hier niemand zurück. „Ohne das Stadion ist der Erfolg nicht denkbar“, sagt Fuchs. Dennoch steht der Klub erst am Anfang. Trotz des Erfolges war die Arena in dieser Saison noch nie ausverkauft. „Vor zehn Jahren waren die Jungs in Wolfsburg Bayern- oder Dortmund-Fans“, sagt der frühere Profi und heutige Fanbeauftragte Holger Ballwanz. „Die Identifikation mit dem Klub ist noch in der Wachstumsphase.“

Und die versucht der Klub zu lenken. Fan wird man als Kind oder Jugendlicher, deshalb wirbt der VfL in Grundschulen und Kindergärten. Im Stadion gibt es einen Familienblock mit Spielplatz. Während die Eltern das Spiel verfolgen, spielen die Kleinen unter der Aufsicht zweier Erzieherinnen. Meist dauert es nicht lange, bis die Kinder selbst im Block sitzen wollen. Wenn sie älter sind, wechseln die Kinder in den Wölfi-Block, einen Bereich in der Stehplatzkurve, in den nur hinein darf, wer kleiner als 1,50 Meter ist. So versperrt den Kindern niemand den Blick. Wolfsburg produziert Fußballfans. Kinder bringen Eltern mit, und Kinder werden irgendwann selbst zu Eltern, so lautet das Kalkül.

Dennoch wird sich der Verein nie ganz von Volkswagen emanzipieren. Die Stadt hat 120 000 Einwohner und 50 000 Arbeitsplätze im Werk, die Zulieferfirmen nicht eingerechnet. VW ist Hauptsponsor und hält 90 Prozent der Anteile an der Fußball GmbH. Wolfsburg ist eine Stadt, die in drei Schichten lebt. Sollte sich der VfL für die Champions League qualifizieren und Dienstag- oder Mittwochabend spielen, wird es Schwierigkeiten geben, weil die Spätschicht nicht ins Stadion kann.

Doch die Verantwortlichen registrieren, dass der Klub Anhänger über die Stadtgrenzen hinaus gewinnt. Es gibt Fanklubgründungen in ganz Deutschland. Vor allem in Sachsen-Anhalt, wo viele Fans sich immer noch eher mit dem 200 Kilometer entfernten Cottbus als mit dem nahen Wolfsburg identifizieren, will der Klub Fans gewinnen. Doch bis der VfL so etwas wie eine Tradition hat, wird er noch zwei bis drei Generationen und den einen oder anderen Titel brauchen.

„Die fehlende Tradition kann auch ein Vorteil sein“, glaubt Theaterintendant Thoenies. Die vielen Projekte wären in einer anderen Stadt nicht so schnell realisiert worden, auch Scharouns extravaganter Entwurf für das Theater wäre anderswo wohl nie gebaut worden. „Wir müssen auf niemanden Rücksicht nehmen. Wir können hier eine neue Stadt schaffen“, sagt Thoenies. In Wolfsburg ist sie mitten im Entstehen.

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