Schiedsrichter : Der DFB und sein Fall

Die Affäre um Machtmissbrauch und Belästigung zeigt den Reformstau bei Schiedsrichtern und im Verband.

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Amerell Foto: Imago
Manfred Amerell ist von allen Ämtern zurückgetreten, bestreitet aber Vorwürfe der sexuellen Belästigung eines jungen...Foto: Imago

Berlin - Was ist bloß los beim DFB? Erst das Theater mit dem Bundestrainer um eine schon verkündete und dann doch geplatzte Vertragsverlängerung – mit tiefen Verwerfungen mitten in der WM-Vorbereitung. Nun der Ärger um einen hochrangigen Schiedsrichter-Funktionär, der möglicherweise seine Macht für sexuelle Belästigungen ausgenutzt hat – mit tiefen Verwerfungen quer durch den Verband. In beiden Fällen ist öffentlich offensichtlich: Das Krisenmanagement klappt nicht, und viel Vertrauen ist zerstört. Im Falle des Bundestrainers soll ein Burgfrieden zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und Joachim Löw etwas Ruhe bringen. Im Skandal um die Vorwürfe gegen den ehemaligen Schiedsrichter Manfred Amerell ist das noch weniger möglich. Amerell ist von seinen Ämtern im Verband zurückgetreten, der DFB hat danach die Affäre für beendet erklärt – Ruhe aber herrscht noch lange nicht. Dafür hat der DFB noch zu viel aufzuarbeiten.

Da ist zunächst die Sache selbst: Der 62 Jahre alte Amerell soll den 27 Jahre jungen Fifa-Schiedsrichter Michael Kempter belästigt haben. Auch andere Referees klagen darüber, dass Amerell seine Position im DFB-Schiedsrichterausschuss ihnen gegenüber ausgenutzt habe. Amerell bestreitet das, legte aber in einer Erklärung nahe, dass Kempter und er eine enge Beziehung gehabt hätten. Der DFB glaubt Kempter und hat Amerells Rücktritt für notwendig erklärt. Präsident Theo Zwanziger sagt über Amerell: „Es ist eindeutig, dass er in der Ausübung seiner Position die Grenzen nicht gesehen hat, die man beachten muss.“ In der Sache selbst könnte nun die Staatsanwaltschaft tätig werden.

Auch verbandsintern ist noch viel Ermittlungsarbeit nötig. Die Aufklärung des Falles wurde vom Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses, Volker Roth, verschleppt. Der 68-Jährige war von Kempter am 17. Dezember über mögliche Belästigungen durch Amerell informiert worden. Zwanziger erfuhr von den Vorwürfen erst einen Monat danach; der für das Schiedsrichterwesen bis dahin zuständige Vizepräsident Rainer Koch noch später. Koch gab daraufhin aus Protest dieses Ressort ab. Nicht nur er fragt intern: Wie kann es sein, dass die oberste Kontrollinstanz einen so schwerwiegenden Fall vier Wochen liegen lässt? Geschah das aus Naivität oder Vorsatz? Beides wäre fatal. Roth, der seit 1995 als Chef der Schiedsrichter fungiert und eigentlich schon nach der WM 2006 aufhören wollte, möchte noch bis zum DFB-Bundestag im Oktober im Amt bleiben. Auf die Frage, ob Roth nicht zurücktreten müsse, antwortet Zwanziger: „Er hat Fehler gemacht. Das war nicht in Ordnung. Aber er hat auch große Verdienste um das Schiedsrichterwesen.“

Gerade das aber bezweifeln viele. Die Affäre offenbart neben personellen Problemen schwere strukturelle Mängel. Nicht nur Reinhard Rauball, den Präsidenten der Deutschen Fußball-Liga (DFL), hat die Ahnung beschlichen, dass es sich im deutschen Schiedsrichterwesen eher um einen „Geheim-Orden“ als um ein transparentes System des Einsatzes, der Beobachtung und Bewertung von Unparteiischen handelt. Viele Akteure des bezahlten Fußballs sehen zu viel Macht auf zu wenigen Personen konzentriert, selbst im DFB sprechen manche hinter vorgehaltener Hand vom „Staat im Staate“. Im Grunde hatten hier drei Leute das Sagen: Obmann Roth, Lehrwart Eugen Strigel und eben Amerell. Dem bislang zuständigen Vizepräsident Koch, der im Wettskandal um Robert Hoyzer auf Aufklärung drängte, war das suspekt. Er hatte sich vorgenommen, das Schiedsrichterwesen schrittweise neu zu ordnen, was einigen Altfunktionären nicht passte. Viele rechnen Koch an, dass er versucht hat, bei Streitfragen zwischen dem DFB, bei dem die Schiedsrichter traditionell angesiedelt sind, und der DFL, die gern mehr Einfluss hätte, zu vermitteln. Schiedsrichter-Obmann Roth war vor zwei Jahren gegen die Stimmen der Liga gewählt worden, auch jetzt kommt die öffentlich geäußerte Kritik an ihm vornehmlich aus der Bundesliga. Dabei geht es hintergründig auch um Machtfragen: Roths Nachfolger soll nach dem Willen der Liga nicht mehr allein beim DFB angebunden sein. DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach sagt dazu auf Nachfrage: „Schiedsrichter müssen von neutraler Stelle kommen, und das ist der Verband.“ Darüber könnte es bis zum Bundestag im Oktober noch manche Rangelei geben.

Hinter der Strukturdebatte steckt die Frage nach inhaltlichen Reformen. Zumindest hier sind sich alle einig. Der frühere Fifa-Referee Herbert Fandel, der im Oktober Roths Posten übernehmen soll, wird bis Mitte März Vorschläge erarbeiten. Zusammen mit seinen ehemaligen Schiedsrichter-Kollegen Hellmut Krug und Lutz Michael Fröhlich gehört Fandel einer eingesetzten DFB-Kommission an, welche die bisherigen Strukturen kritisch prüfen soll. Krug, der schon 2007 ein Reformmodell präsentierte und nach einem Streit mit Roth den DFB verlassen hat, ist inzwischen der DFL-Vertreter im Schiedsrichterausschuss. Zu konkreten Änderungen will sich keiner der drei offiziell äußern. In Verbandskreisen ist aber längst klar, was getan werden muss. Insider berichten, dass es zu wenig Kontrollmöglichkeiten gibt, den eventuellen Missbrauch von Macht zu verhindern oder wenigstens rechtzeitig zu erkennen. „Wir dürfen Dinge nicht von einzelnen Personen abhängig machen“, sagt auch Niersbach.

Amerell hatte durchaus die Möglichkeit, Talente gezielt zu fördern oder eben nicht. Er setzte nicht nur die Schiedsrichter für Spiele in der Regionalliga und in der Junioren-Bundesliga an, sondern beobachtete sie auch und bewertete dann ihre Leistungen. Für einen Aufstieg in den lukrativen Profifußball, in dem es regelmäßig eingesetzte Referees monatlich auf einen fünfstelligen Zuverdienst bringen können, war einer wie Amerell unerlässlich. Zumal er auch im Schiedsrichterausschuss viel Macht besaß und sich damit quasi selbst beaufsichtigte – schon, weil er Vertreter des mächtigen süddeutschen Fußballverbandes war, der mit drei Millionen Fußballern die Hälfte aller DFB-Mitglieder stellt. Solch eine Machtfülle soll künftig nicht mehr möglich sein. Schiedsrichter sollen von verschiedenen Beobachtern bewertet werden, nicht immer von den gleichen. Zudem soll es unabhängige Vertrauensleute geben, an die sich möglicherweise benachteiligte Referees wenden können. Auch die gibt es bisher nicht.

Die Debatte, die der DFB für beendet erklärt hat, wird also weitergehen. Im Verband und in der Öffentlichkeit. Denn eine Ebene schwingt noch mit, die eigentlich Privatsache ist, nun aber durch den Fall Amerell zum Thema wurde: Homosexualität im Fußball. Der DFB, der sich zumindest in Gestalt von Zwanziger müht, das Tabu zu brechen, zeigt nach Ansicht von Kritikern Probleme im souveränen Umgang mit Schwulen. Der homosexuelle Präsident des Zweitligisten FC St. Pauli, Corny Littmann, sieht jedenfalls Amerell als Täter und Opfer: „Er ist sicher das Opfer eines Verbandes, der große Probleme hat, mit der Sexualität seiner leitenden Funktionäre umzugehen.“ Allerdings: Amerell, der Familie hat, hat sich keineswegs geoutet – auch wenn er eine angebliche SMS von Kempter veröffentlichte, aus der man eine mehr als freundschaftliche Beziehung beider herauslesen kann. Der DFB dagegen spricht in einer Pressemitteilung von „sexuellen Kontakten“. Musste das sein?, fragt nicht nur Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Das mögliche Opfer von Amerell, der junge Schiedsrichter Kempter, hat sich noch nicht geäußert. Er scheint fast der Einzige zu sein, der seine Intimsphäre zu schützen versucht. Michael Kempter will noch in dieser Saison wieder pfeifen.

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