Sport : Schiedsrichter im Abseits

Der Skandal um Manipulationen im italienischen Fußball zieht immer weitere Kreise – nun wird auch Pierluigi Collina verdächtigt

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Für die Vereinsoberen von Juventus Turin war Pierluigi Collina ein rotes Tuch. Antipathien, die auf seine Unbestechlichkeit als Schiedsrichter zurückzuführen seien, dachte man. Doch jetzt treten neue Verdachtsmomente auf, die eine Verwicklung Collinas in den Skandal vermuten lassen, der derzeit den italienischen Fußball erschüttert. Der frühere Fifa-Schiedsrichter, so der Vorwurf, soll nicht nur von den Manipulationen des Managers von Juventus Turin, Luciano Moggi, gewusst haben, sondern auch bei Gegenmaßnahmen des Konkurrenten AC Mailand geholfen haben. Collina wurde deswegen bereits in der vorletzten Woche sechs Stunden lang von der Staatsanwaltschaft vernommen, zusammen übrigens mit Milans Vizepräsident Adriano Galliani und Milan-Trainer Carlo Ancelotti.

Wie ein Pate dirigierte Moggi Verbandsfunktionäre, Schiedsrichter und Sportjournalisten, um Juve den sportlichen Erfolg zu sichern. Bei dem organisierten Fußballschwindel trat Schiedsrichter Massimo de Santis als Erfüllungsgehilfe auf. Um die Machenschaften von Moggi und De Santis zu brechen, soll Ligakonkurrent AC Mailand eine Art Gegenkartell errichtet haben: aus Schiedsrichtern, die Milan wohl gesonnen waren.

Collina habe von diesen Schiedsrichtern gewusst, die von Milan-Berater Leonardo Meani betreut wurden. Das vermuten die Ermittler. Das Abhörprotokoll eines Telefonats zwischen Meani und Collina lässt auf dieses heikle Verhältnis schließen. Collina sprach zum Teil mehrmals täglich mit Meani. In den abgehörten Gesprächen ging es auch um ein Geheimtreffen mit Milan-Vizepräsident Adriano Galliani, der gleichzeitig Präsident des Ligaausschusses ist. Grund für das Treffen war die Weichenstellung für Collinas Zukunft nach seiner Schiedsrichterlaufbahn. Collina selbst gab im August 2005 seinen Rücktritt von der Schiedsrichterei bekannt, obwohl er kurz zuvor vom Verband eine Sondergenehmigung für eine weitere Saison erhalten hatte. Diese wurde Collina aber wieder entzogen, nachdem sein Werbevertrag mit einer Autofirma bekannt wurde, die auch Hauptsponsor des AC Milan ist.

Der Skandal zieht unterdessen immer größere Kreise. Insgesamt über 100 000 abgehörte Telefonate müssen ausgewertet werden. Es geht um Bildung einer kriminellen Vereinigung, Betrug im Sport, Korruption und Wettbetrug. Ermittelt wird außer in Neapel auch in Rom, Turin, Perugia und Parma. Kommissarisch geleitet wird Italiens Fußball-Verband inzwischen von dem renommierten Wirtschaftsrechtler Guido Rossi. Als Chefermittler des Verbandes bestellte Rossi inzwischen den früheren Generalstaatsanwalt von Mailand, Francesco Saverio Borrelli, ein. Borrelli, der sich als unerbittlichen Ermittler in Sachen Korruption einen Namen gemacht hat, will schon innerhalb der nächsten drei Wochen ein Ergebnis seiner Ermittlungen vorlegen.

Auch Nationaltrainer Marcello Lippi ist von den Ermittlungen betroffen. Er gewann unter Moggis unrühmlicher Ägide mit Juventus Turin fünf Meistertitel, ehe er die Nationalmannschaft übernahm. Kurz vor der WM ist deshalb auch Lippi in Erklärungsnotstand geraten. Sein Sohn agierte zudem als Spielermanager ebenfalls im Dunstkreis der Spielermanagment-Agentur GEA, die mit Moggi zusammenarbeitete. „Der ganze Skandal wird sich nicht wie eine Seifenblase auflösen“, vermutet Sonderkommissar Rossi.

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