Schiedsrichter in der Bundesliga : Verantwortlich für alles Schlechte

Nach dem Fall Babak Rafati ist der Umgang mit Schiedsrichtern respektvoller geworden – für wie lange?

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Wie lange geht das noch so weiter? Im öffentlichen Ansehen stehen Babak Rafati und seine Schiedsrichterkollegen knapp vor Polizisten und Lehrern.
Wie lange geht das noch so weiter? Im öffentlichen Ansehen stehen Babak Rafati und seine Schiedsrichterkollegen knapp vor...Foto: dapd

„Allen Beteiligten im Fußball muss durch diesen Fall vor Augen geführt werden, respektvoll miteinander umzugehen und nicht gegeneinander zu arbeiten.“

Robin Dutt, Trainer von Bayer Leverkusen.

Das hat der Fußballlehrer Robin Dutt schön gesagt und wahrscheinlich auch ernst gemeint. War ja auch ein denkwürdiger Tag Mitte September, als Dutts Kollege Ralf Rangnick öffentlich bekannt gab, er könne seinen Job auf absehbare Zeit nicht mehr ausüben, weil die Nerven nicht mehr mitspielen. Keine Kraft, keine Energie, keine Perspektive. Ralf Rangnick konnte nicht mehr.

Die Branche war geschockt. Knapp zwei Jahre nach dem Suizid des Nationaltorhüters Robert Enke wurde den Trainern schlagartig bewusst, dass auch sie keinen automatischen Schutz genießen gegen Verwundungen, die das bloße Auge nicht zu erkennen vermag. Depressionen, Burnout, vegetatives Erschöpfungssyndrom. Kann uns also auch passieren, schlimme Sache, da müssen wir mal innehalten und nachdenken über das, was wir uns im Alltag so alles zumuten und antun.

Die Öffentlichkeit feierte Rangnicks offenen Umgang mit der Volkskrankheit Stress als Pioniertat. Endlich war einer ausgebrochen aus dem Kartell der Schweiger, der Verharmloser, der Tabuisierer. Der große Irrtum des Profifußballs bestand darin, dass er sich ausnahmsweise mal kleiner machte, als er wirklich ist – und seine Grenzen viel zu eng definierte. Es gehören eben nicht nur Spieler und Trainer zum großen Zirkus auf dem grünen Rasen. In finaler Konsequenz hätten dieses Missverständnis und der damit einhergehende Mangel an Respekt den Schiedsrichter Babak Rafati beinahe das Leben gekostet.

Das mit dem respektvollen Umgang hat sich nämlich in den Wochen nach Ralf Rangnicks öffentlichem Hilferuf als gar nicht so einfach erwiesen. Fußball ist ein temperamentvolles, ein emotionales Spiel. Und es geht um viel Geld, ganz oben in der Bundesliga, wo Ralf Rangnick mit dem FC Schalke 04, Dutt mit Bayer Leverkusen und ihre lieben Kollegen Woche für Woche unter Erfolgsdruck stehen und diesen Druck nur zu gern weitergeben an einen, von dem der Mönchengladbacher Trainer Lucien Favre sagt: „Er ist der ärmste Mann auf dem Platz!“

Eine kleine Auswahl dessen, was sich Deutschlands Fußball-Schiedsrichter so alles anhören mussten von Trainern und Managern, seitdem Robin Dutt zum respektvollen Miteinander aufgerufen hatte: Der für seinen sanften deutsch-dänischen Singsang geschätzte Manager Frank Arnesen wütete nach dem Spiel seines Hamburger SV gegen Kaiserslautern: „Wir haben heute gegen 13 Mann gespielt“, eine Woche später sah der Stuttgarter Trainer Bruno Labbadia seine Elf in Mainz immerhin noch „von Anfang an gegen zwölf Leute“. Jürgen Klopp, der für gewöhnlich sehr redselige Trainer von Borussia Dortmund, mochte nach einem Spiel in Stuttgart nicht davon sprechen, dass seine Mannschaft wegen amateurhafter Reiseplanung eine halbe Stunde zu spät am Stadion erschienen war. Stattdessen erging er sich in längeren Tiraden über den Schiedsrichter und einen ausgebliebenen Elfmeterpfiff. Kölns sonst so stiller Trainer Stale Solbakken forderte lauthals „Konsequenzen für Schiedsrichter, wenn sie zu viele Fehler machen“. Und der Freiburger Marcus Sorg tanzte wie ein Derwisch vor dem Schiedsrichter herum, weil er sich im Spiel gegen Hertha BSC betrogen fühlte, sein Präsident reckte im allgemeinen Chaos noch den Mittelfinger in die Höhe.

Soweit die Anklage. Von der Verteidigung kam … nichts. Theo Zwanziger, der scheidende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, hatte anderes im Sinn, als seiner Verpflichtung als höchster Schutzpatron der Schiedsrichter nachzukommen. Um sich in einer noch schwer durchschaubaren Steueraffäre als Kämpfer wider die Korruption zu profilieren, forderte er seinen Schiedsrichtern in aller Öffentlichkeit Schufa-Erklärungen und Führungszeugnisse ab.

Es ist nicht leicht in diesen Tagen, Schiedsrichter zu sein. Alle wissen es besser, alle können es besser, in der Fankurve im Stadion und vor dem Fernseher sowieso. Der Skandal um den betrügerischen Schiedsrichter Robert Hoyzer, die öffentliche Schlammschlacht zwischen dem ehemaligen Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell und seinem einstigen Zögling Michael Kempter sowie die Affäre um vermeintliche Steuerbetrügereien haben dem Ansehen eines gesamten Berufsstandes schweren Schaden zugefügt. Im öffentlichen Ansehen stehen Schiedsrichter knapp vor Lehrern und Polizisten.

Die jüngere Vergangenheit hat Spuren hinterlassen, vor allem bei denen, über die so viel und so unwidersprochen geredet wurde. Zum Beispiel bei Babak Rafati. Der Bankkaufmann aus Hannover zählt zu den Schiedsrichtern, die von Fans, Spielern und Funktionären besonders gern für alles Schlechte in der Fußball-Welt verantwortlich gemacht werden. Der Mainzer Manager Christian Heidel hat mal gesagt, Rafati wirke mit seiner Art und seiner Gestik manchmal etwas arrogant. Die Bundesligaprofis haben ihn in der selten geschmacklosen Wahl eines Fachmagazins öfter zum schlechtesten Schiedsrichter der Bundesliga gewählt. Der Deutsche Fußball-Bund strich ihn im Herbst unter fadenscheinigen Begründungen von der Schiedsrichterliste des Weltverbandes Fifa. „Wir alle wussten, dass Babak eine schwere Zeit durchmachte“, sagt sein Berliner Kollege Gräfe. Und doch hat er nicht geahnt, wie schwer die Verwundungen waren.

Irgendwann hatte Rafati genug. Am 19. November, wenige Stunden vor dem Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05, wollte der Schiedsrichter seinem Leben ein Ende setzen. Er überlebte nur deshalb, weil sein Assistent ihn im Hotelzimmer fand und sofort Wiederbelebungsmaßnahmen einleitete. Über seinen Anwalt ließ Rafati später ausrichten, der „mediale Druck in Kombination mit der ständigen Angst, Fehler zu machen“, habe „zu einer immer größeren Belastung“ geführt.

Nun stehen auch Fußballprofis unter einem öffentlichen Druck, wie ihn die Öffentlichkeit schwer nachvollziehen kann. Aber es stehen immer elf von ihnen auf dem Platz. Trainer sind einsamer und müssen sich im Falle des Misserfolgs den Mechanismen des Geschäfts beugen. Aber sie kennen auch Jubel, Wertschätzung und Respekt. Sie werden auch gefeiert und geliebt. Wer feiert, wer liebt einen Schiedsrichter? „Wir kennen doch fast nur negative Emotionen“, sagt der Berliner Schiedsrichter Manuel Gräfe.

Die Branche reagierte auf Rafatis Kölner Suizidversuch wie auf Rangnicks Burnout-Erklärung. Geschockt. „Der Druck im Leistungssport ist ungeheuer hoch, und wir schaffen es einfach nicht, das in die richtige Balance zu bringen“, sagte DFB-Präsident Zwanziger, der Berliner Profi Christian Lell forderte: „Wir müssen diese Schärfe, diese Aggressivität rausnehmen.“

In der Tat erlebten die Bundesligaschiedsrichter in den folgenden Wochen eine völlig ungewohnte Atmosphäre der Sachlichkeit. Über deren mutmaßlich geringe Halbwertszeit aber sind sich die meisten Beteiligten im Klaren. Als der Berliner Schiedsrichter Manuel Gräfe sechs Tage nach dem Drama um Rafati ausgerechnet in Köln ein Spiel zu leiten hatte, sprach ihn noch im Kabinengang ein Spieler an: „Blöde Sache mit Rafati, jetzt sind alle ganz betroffen, aber ihr wisst doch, dass in drei Wochen alles wieder so ist wie früher.“

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