Schiedsrichter Manuel Gräfe : "Mehr als Freistoß für Rot oder Blau"

Fifa-Schiedsrichter Manuel Gräfe über die Affäre Kempter/Amerell, die Rolle der Liga und den Vorwurf, seine deutschen Kollegen würden einen Geheimorden bilden.

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Manuel Gräfe, 36, pfeift seit 2004 in der Fußball-Bundesliga, seit 2007 amtiert er als Fifa-Schiedsrichter auch auf...Foto: Imago

Herr Gräfe, so ein Schiedsrichterskandal weit weg von Berlin …



… den kann man schön aus der Distanz verfolgen – das meinen Sie doch, oder? Aber glauben Sie mir, diese Affäre hat uns auch in Berlin alle schockiert.

2005 standen Sie und drei Ihrer Kollegen im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, als Sie Robert Hoyzer wegen der Manipulation von Spielen beim DFB anzeigten. Wie verfolgen Sie jetzt die Affäre um Manfred Amerell und Michael Kempter?

Die Ausgangslage kann man durchaus vergleichen mit dem, was damals war. Können Sie sich vorstellen, wie schwer es uns fiel zu glauben, dass ein Schiedsrichter Spiele manipuliert? Und diesen Verdacht auch noch weiterzutragen? Was wäre denn passiert, wenn sich der Verdacht nicht bestätigt hätte? Wir hatten handfeste Hinweise, es sprach viel dafür, dass er Spiele gegen Geld verpfiffen hatte, aber für uns stand fest: Bevor du so einen Verdacht weiterträgst, musst du dir hundertprozentig sicher sein. Wir haben jeden Stein dreimal umgedreht.

Im Fall Kempter hat niemand so genau hingeschaut wie Sie damals.

Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich denke, der DFB hatte genug Hinweise, dafür sprechen ja anscheinend auch die eidesstattlichen Versicherungen. Jedenfalls hat sich Michael Kempter dazu entschieden, Volker Roth anzusprechen. Ich weiß nicht, wie viel Kraft ihn dieser Schritt gekostet hat.

Schiedsrichterchef Volker Roth ist stark dafür kritisiert worden, dass er den Fall erst nach ein paar Wochen an den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger weitergeleitet hat. Teilen Sie diese Kritik?

Nein, diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Fest steht, dass Volker Roth sich erst einmal Gewissheit verschaffen musste über das, was überhaupt passiert ist. Man sieht doch jetzt angesichts der aktuellen Gemengelage, wie kompliziert dieser Fall Amerell/Kempter ist. Ich meine, die Annahme, dass ein Schiedsrichter-Obmann einen Schiedsrichter sexuell belästigt – das ist doch unglaublich! Wir kannten doch auch alle Manfred Amerell und Michael Kempter und deren gutes Verhältnis. Dass dahinter mehr steckte, war außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich finde, dass Volker Roth der Situation angemessen gehandelt hat.

Wie?

Er hat erst einmal die Schiedsrichter-Tagung im Januar abgewartet. So wie wir es auch bei Robert Hoyzer gehandhabt haben. Bei der Tagung damals wurde deutlich, dass sich sein Kontakt auf eine Person beschränkte, auf Dominik Marks …

… der auch Spiele verschoben hatte.

Dieses isolierte Verhalten von Robert Hoyzer war für uns ein entscheidendes Indiz. Und überhaupt: Was hätte denn passieren können über Weihnachten und Neujahr? Da ist nicht gespielt worden, und man kann sich doch am besten ein Bild machen, wenn man die handelnden Personen direkt in Augenschein nimmt.

Wie reagieren die Schiedsrichter jetzt auf die Affäre Amerell/Kempter?

Natürlich hat Manfred Amerell eine Grenze zwischen Beruflichem und Privatem überschritten, die man nicht überschreiten darf. Das räumt er ja selbst ein.

Aber?

Dieses Problem wird in eine völlig unzulässige Richtung verallgemeinert. Es gibt kein Schiedsrichter-Problem, es gibt ein persönliches Problem zwischen – mindestens – zwei Menschen.

Das könnte man auch anders sehen, nämlich als strukturelle Diskrepanz. Herr Amerell hat die Macht, die er im Bewertungssystem hatte, genutzt, um sich Michael Kempter gefügig zu machen.

Man muss zwei Dinge auseinander halten. Erstens: Was Sie Gefügigmachen nennen, ist für mich schwer nachvollziehbar. Zweitens: Natürlich hatte Manfred Amerell als Obmann eines starken Regionalverbandes und anerkannter Fachmann Einfluss. Die Verantwortung für die Ansetzungen von der Bundesliga bis hin zur Dritten Liga aber besitzt nur Volker Roth.

Amerell saß aber im einflussreichen Schiedsrichterausschuss.

Er war eine von zehn Personen, zu denen auch zwei Vertreter der DFL gehören. Dieser Schiedsrichterausschuss entscheidet unter anderem über Auf- und Abstieg nach der Saison. Da konnte keiner durchkommen, der nur einem Mitglied gefiel.

Kein Vorwurf an Amerell?

Ich will zu ihm persönlich nichts sagen. Und ich muss ihn nicht belehren, er weiß selbst, was er falsch gemacht hat.

Aber ein Vorwurf an Kempter?

Auch das steht mir nicht zu. Aber von einem Bundesliga-Schiedsrichter wird zu Recht erwartet, dass er eine Persönlichkeit ist. Auf dem Platz, aber auch außerhalb. Bundesliga-Schiedsrichter zu sein bedeutet nicht nur, Freistoß für Rot oder Blau zu pfeifen. Man muss unabhängig sein und sich gegen viele Interessen durchsetzen können. Da kann man erwarten, dass er sich auch im Privaten gegen Dinge zur Wehr setzt, die er nicht mag. Die Karriere steht nicht über allem.

Befürchten Sie, dass im Falle der drei noch anonymen Schiedsrichter ähnlich unangenehme Details ans Licht gelangen?

Immerhin haben es die drei anderen noch nicht zu einer öffentlichen Schlammschlacht kommen lassen. Ich hoffe, dass auch Amerell und Kempter zu der Einsicht gelangen, die sie in der Öffentlichkeit immer vertreten: dass nämlich die Sache über persönlichen Interessen steht. Es muss endlich Schluss sein damit, jeden Tag über die Medien neue E-Mails, SMS und was weiß ich alles zu verbreiten. Ich hoffe, die Probleme werden auf privatem oder juristischem Wege, aber nicht mehr ausschließlich in der Öffentlichkeit ausgetragen. Davon würden auch alle profitieren, zumal der Schaden schon groß genug ist.

Was wird denn so erzählt in Schiedsrichterkreisen – dass Kempter sich seine Zulassung für die Bundesliga mit gerade 23 Jahren durch seine besondere Beziehung zu Amerell erschlichen hat?

Nein. Wer als Fachmann Michael Kempter einmal hat pfeifen sehen, der hat sein großes Talent erkennen können.

Die Öffentlichkeit erwartet grundlegende Veränderungen im Schiedsrichterwesen.

Volker Roth hat das deutsche Schiedsrichterwesen in den vergangenen 15 Jahren aus dem reinen Amateurstatus in viel professionellere Strukturen überführt. Das ist ein fortlaufender Prozess, und natürlich sind Veränderungen auch in Zukunft nötig und erwünscht.

Für die Umsetzung dieser Veränderungen hat der DFB eine Kommission eingesetzt, über deren Konzept das Präsidium bereits am Freitag beraten wird. Umsetzen wird sie wahrscheinlich nicht Volker Roth, sondern sein Nachfolger Herbert Fandel.

Sicherlich hat Herbert Fandel eigene Vorstellungen, und die wird er in Absprache mit DFB und DFL umsetzen. Aber das ändert nichts an den großen Verdiensten von Volker Roth. Die deutschen Schiedsrichter werden auf nationaler und internationaler Ebene seit vielen Jahren sehr geschätzt. Das belegen allein die Erfolge, die unter anderem Markus Merk und Herbert Fandel in den vergangenen Jahren hatten. Das spricht nicht gerade gegen die bestehenden Strukturen.

Aber Ihre Schiedsrichterwelt ist so undurchsichtig, dass DFL-Präsident Reinhard Rauball von einem Geheimorden spricht.

Ich schätze Herrn Rauball sehr, aber das sehe ich anders. Wie gesagt: Die DFL hat zwei Vertreter im Schiedsrichterausschuss, sie hat Einsicht in alle Vorgänge und entscheidet mit. Das deutsche Schiedsrichterwesen ist keineswegs so intransparent, wie viele Außenstehende behaupten. Versuchen Sie doch zum Beispiel mal, in England oder Italien nach einem Ligaspiel ein Interview mit dem Schiedsrichter zu führen. Geht nicht, wie überhaupt in ganz Europa nicht.

Weil die keine Lust haben …

… nein, weil es von den Verbänden nicht erwünscht ist, von Uefa und Fifa übrigens auch nicht. In Deutschland steht es jedem Schiedsrichter frei, sich zu seinen Entscheidungen zu äußern. Das verdanken Sie und Ihre Kollegen Volker Roth.


Das Gespräch führte Sven Goldmann.

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