• Schiedsrichter und Psychologie: Urteilen und Entscheiden im Sport als ein Forschungsschwerpunkt in Heidelberg (Interview)

Sport : Schiedsrichter und Psychologie: Urteilen und Entscheiden im Sport als ein Forschungsschwerpunkt in Heidelberg (Interview)

Warum sind Schiedsrichter für die Psychologie

Dr. Henning Plessner (34) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am psyhologischen Institut der Universität Heidelberg.

Warum sind Schiedsrichter für die Psychologie ein Thema?

Es ist doch ein krasser Gegensatz, was an Professionalität und Geld im Sport drinsteckt, und wie wenig sich auf der anderen Seite Gedanken um die fast wichtigsten Personen auf dem Spielfeld gemacht wird. Das ist ein kaum erforschter Bereich.

Ihre Promotion von 1997 heißt "Urteilsverzerrungen bei Kampfrichtern im Kunstturnen: der Einfluß von Erwartungen." Wie sind Sie darauf gekommen?

In der Psychologie gibt es ein Standardthema, das sich mit Lehrererwartungen und deren Einfluss auf ihre Notengebung beschäftigt. Und dann bin ich selber Kampfrichter. Ich habe diese Bereiche zusammengefügt.

Was war Ihr Anfangsverdacht bei den Kampfrichtern?

Im Riegen-Turnen werden die Mannschaften traditionell in einer bestimmten Reihenfolge aufgestellt - der schwächste Turner am Anfang und der beste zum Schluss. Daraus ergibt sich für die Kampfrichter eine implizite Erwartung.

Und was ergibt sich aus der Erwartung?

Die wirkt sich auf die Urteilsfindung aus. Ein Ergebnis der Arbeit ist, dass man diesen Effekt nachweisen kann. Er beeinflusst Kampfrichter systematisch. Ein Turner erhält, wenn sie erwarten, dass ist der beste, bis zu drei Zehntel mehr, als wenn sie erwarten, es ist der schlechteste einer Riege.

Kampfrichter sehen also, was sie wollen?

Mit Wollen oder Motivation hat das nicht unbedingt etwas zu tun. Das funktioniert auf einer rein kognitiven Ebene.

Was heißt das?

In der Psychologie gibt es dafür ganz klassische Experimente: Ich zeige Ihnen ganz kurz eine schwarzgefärbte Herz-Karte. Herz ist rot, aber Sie sehen schwarz. Es wird ein Kompromiss gebildet aus dem, was Sie erwarten und dem, was Sie sehen. Manche Versuchspersonen sehen Purpur. Solche Effekte funktionieren umso eher, je schwieriger die Aufgabe und je kürzer die Zeit ist.

Und was hat das mit Turnen zu tun?

Die meisten Regelwerke überfordern einfach menschliche Kapazitäten. Ich habe es mal für das Seitpferd ausgerechnet. Pro Teil, das die Richter beurteilen müssen, haben sie gut eine Sekunde. Dann müssen sie erkannt haben, was ist das, ist es technisch gut ausgeführt, zählt es zu einer Kombination, ist es eine Verbindung. Ungefähr dreißig Mal hintereinander. Das ist schlicht unmöglich. Für einfache Wahlaufgaben, wie: ist die Farbe rot oder gelb, braucht man schon ein halbe Sekunde. Am Seitpferd geht das zu schnell. Da haben Erwartungen eine gute Möglichkeit, den Urteilsprozess zu beeinflussen.

Ist Objektivität dann überhaupt möglich?

An bestimmten Geräten wie dem Seitpferd sind die Grenzen der Informationsverarbeitung erreicht. Aber Wahrnehmung lässt sich zum Teil auch schulen. Und eine Lösung für viele Sportarten wäre natürlich die Videoanalyse zumindest für den technischen Wert, deren Ergebnis man dann zeitverzögert bekannt geben könnte.

Und wie kommt die Note zum kÜnstlerischen Wert zustande?

Auch dazu haben Kollegen in den USA Untersuchungen gemacht, die zeigen, dass über eine Saison hinweg eine homogenes Bild entsteht. Am Anfang wird ein Programm, etwa im Eiskunstlauf, noch durchaus unerschiedlich bewertet. Am Ende haben alle diesselbe Meinung. Das sind Konformitätsprozesse.

Was ist denn Ihr Ratschlag?

Ich würde dafür plädieren, das ganze Schiedsrichterwesen endlich mal von außen zu evaluieren. Regeln werden immer von Schiedsrichtern gemacht. Da kommt es zu Betriebsblindheit. Oft ist etwa die vorgeschriebene visuelle Perpektive ungünstig.

Auch beim Kunstturnen?

Da ist nur sehr ungenau vorgeschrieben, wo ein Kampfrichter sitzen muss. Beim Baseball aber ist es vorgeschrieben. Und da haben Kollegen nachgewiesen, dass der Schiedsrichter, der darüber entscheiden muss, ob ein geworfener Ball im richtigen Feld des Schlägers ist, eine ungünstige Position hat. Wenn er da sitzen würde, wo es wahrnehmungspsychologisch günstig wäre, würde er weniger Fehler machen.

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