Schiedsrichteraffäre : Beschützer seiner Welt

Das deutsche Schiedsrichterwesen soll reformiert werden – der langjährige Chef Volker Roth gerät unter Druck.

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Transparenz unerwünscht. Schiedsrichter-Chef Volker Roth könnte am Freitag zurücktreten müssen. Foto: ddpdpa

Das Spiel könnte früher zu Ende gehen als gedacht. Jedenfalls für Volker Roth, den Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), wenn am Freitag in der Verbandszentrale der Tagesordnungspunkt „Neustrukturierung des Schiedsrichterwesens“ auf den Tisch kommt. Die Beschlussvorlage für die Präsidiumssitzung in Frankfurt am Main hat federführend Roths designierter Nachfolger Herbert Fandel erarbeitet – gemeinsam mit Lutz Michael Fröhlich sowie Hellmut Krug von der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Krug ist Roths Intimfeind. Das Trio soll nach der Affäre um mögliche sexuelle Belästigungen unter Schiedsrichtern künftig für mehr Selbstkontrolle und Transparenz der Zunft stehen, so verkünden es jedenfalls führende Funktionäre. Was ja nur heißen kann, dass diese Eigenschaften der Schiedsrichter-Zunft in den fünf dreijährigen Amtsperioden Roths seit 1995 verloren gegangen sein sollen.

Viele Vorwürfe zielen auf Roth, über dessen Zukunft bereits spekuliert wird. Möglicherweise wird der 68-Jährige schon vor dem angestrebten Ende seiner Amtszeit im Herbst zurücktreten müssen – vielleicht bei einem wegen der aktuellen Schiedsrichter-Affäre vorgezogenen Verbandstag am 30. April, vielleicht sogar schon am Freitag. Im DFB ist mittlerweile alles möglich, Schuldige werden überall gesucht. Schließlich steht auch Verbandschef Zwanziger wegen seines Umgangs mit der aktuellen Krise unter Druck und sieht sich wie Roth wachsender Kritik aus der Bundesliga ausgesetzt. Der DFB möchte sich auch zur Person Roth derzeit nicht äußern, doch die Frage stellen im Fußball viele: Ist ein Schiedsrichter-Chef noch im Amt zu halten, wenn er am 17. Dezember von Michael Kempter persönlich mit den Vorwürfen gegen den damaligen Talentförderer Manfred Amerell konfrontiert wird, aber erst am 15. Januar den Präsidenten Zwanziger informiert? Roth beteuert, er habe sich in dem Fall nichts zu schulden kommen lassen und eben Zeit gebraucht, um den Fall rund um den Jahreswechsel zu eruieren. Für DFL-Präsident Reinhard Rauball ist das dagegen nur Beleg, dass Roth zusammen mit Amerell und Lehrwart Eugen Strigel das Schiedsrichterwesen als eine Art „Geheimbund“ geführt habe. Hinter dieser Äußerung von der DFL, die allerdings auch im Schiedsrichterausschuss vertreten ist, steckte das Bestreben, die Unparteiischen am liebsten unter dem Dach der Profiklubs zu befehligen – zum anderen aber auch Annahmen, die auch andere Schiedsrichter und Funktionäre bestätigen.

So heißt es in DFB-Kreisen, dass Widerspruch gegen den Führungsstil der Troika nicht geduldet wurde. Es gibt aber auch Schiedsrichter, die Roths geradlinige Art und seinen Einsatz für seinen Berufsstand loben. Und am Ende hatte immer Roth recht – so schildert es zumindest Zwanziger. „Man hat stark dazu geneigt zu denken: Der Chef ist der Chef, und der Chef entscheidet.“ Nachdem der Verband seinen Schiedsrichtern mit Rainer Koch einen neuen Vizepräsidenten zugewiesen hatte, stieß dieser immer wieder auf immensen Widerstand, wurde nach Kochs interner Darstellung weder gehört noch eingeweiht. Als Roth die Kempter-Amerell-Affäre von Koch fernhielt, trat der Jurist aus Poing entrüstet zurück. Dazu stellte der DFB in einer Pressemitteilung vom 16. Februar fest, dass Roth seinen zuständigen Vizepräsidenten hätte informieren müssen. Konsequenzen zog der Verband gleichwohl keine – weil man Roth einen ehrenvollen Abgang beim bislang für Ende Oktober geplanten Verbandstag ermöglichen wollte?

In Krisenzeiten schottete sich der Träger der Goldenen Ehrennadel des DFB gerne ab. Für die Öffentlichkeit war Roth, wenn überhaupt, nur über einen Festnetzanschluss seines Großhandelsunternehmens für Stahl und Sanitärartikel in Salzgitter erreichbar. In derAffäre um den bestechlichen Robert Hoyzer wurde Roth zwar von Schiedsrichtern über dessen Verfehlungen informiert, dann aber vom Aufklärer Zwanziger an den Rand gedrängt. An der Position des Dienstherrn von fast 80 000 Schiedsrichtern änderte sich freilich nichts.

Der in Chemnitz geborene Roth hat eine Musterkarriere hinter sich. Mit Vollendung des 16. Lebensjahres pfiff er sein erstes Fußballspiel. Bis er am 6. Mai 1972 seine erste Bundesligapartie leitete, vergingen weitere 14 Jahre – damals lag das Mindestalter noch bei 30. Er pfiff internationale Spitzenspiele, und in seinen 129 Ligaspielen zückte er nur zweimal die Rote Karte. Rot allerdings zeigte Roth bei seinem Karrierehöhepunkt. Im Eröffnungsspiel der EM 1984 zwischen Frankreich und Dänemark (1:0) stellte der Deutsche den Franzosen Manuel Amoros vom Platz. Nun muss Volker Roth vielleicht selbst die bittere Erfahrung machen, ein Spiel nicht zu Ende bringen zu dürfen.

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