Schiedsrichterin : Mein Leben mit Ihm

Marie Karsten ist eine souveräne Schiedsrichterin. Niemand merkt, dass sie eine dramatische Vergangenheit als Mann hinter sich hat.

Frank Bachner
Karsten
Marie Karsten ist die erste transsexuelle Fußball-Schiedsrichterin. -Foto: Thilo Rückeis

Jeder Fingernagel von Marie Karsten ist metallicrot lackiert. Aber die Nägel ihrer Ringfinger sind etwas Besonderes. Auf jedem sitzt ein kleiner, silberner Kristall, das filigrane Werk einer Nageldesignerin. Jetzt funkeln die Kristalle sogar, weil Marie Karsten die Finger hebt und das Licht der Strahler deshalb günstig auf die Nägel fällt. Sie hat ihren Schiedsrichterausweis aus der Handtasche gezogen, ausgestellt vom Deutschen Fußball-Bund. Der Pass ist so groß wie ein Führerschein, und Marie Karsten hält ihn etwas geziert, nur mit den zusammengepressten Spitzen von Daumen und Zeigefinger.

Er ist etwas Besonderes, der Pass. Nicht der Ausweis selbst, den besitzt sie seit 26 Jahren. Es geht um das Foto, es geht um die Frau mit den roten Haaren und den relativ harten Gesichtszügen. Marie Karsten mustert das Foto, dann sagt sie: „Es war unglaublich befriedigend, als ich zum ersten Mal den Pass mit diesem Foto sah.“ Es wurde im Juli aufgenommen, da war Marie Karsten gerade dabei, ihre alte Rolle zu verlassen. Begonnen hatte sie damit am 15. Januar.

Jetzt ist ein Tag im Dezember, sie sitzt in einem kleinen Café in Potsdam und hat aschblonde Haare und weichere Gesichtszüge. Marie Karsten hat ihre alte Rolle endgültig verlassen. Sie hat nichts mehr Rudi Karsten zu tun. Sie ist jetzt eine Frau. 50 Jahre lang war sie ein Mann.

Zwischen Juli und Dezember liegt eine Operation in der Potsdamer Privatklinik Sanssouci, spezialisiert auf Geschlechtsumwandlungen – und die Erfahrung, wie man als Schiedsrichterin Marie Karsten auf Spieler wirkt, die jahrelang den Schiedsrichter Rudi Karsten erlebt hatten. Ein Spieler sagte: „Wir hatten eine schrille Schwuchtel erwartet. Du bist ja ein ganz normaler Schiedsrichter.“ Das war am 29. Juli, es war das erste Spiel, das Marie Karsten leitete. Ein Pokalspiel im Kreis Rendsburg. In Zukunft pfeift sie in Brandenburg, für Turbine Potsdam. Seit Dezember lebt sie in Potsdam.

Das offizielle Leben der Marie Karsten beginnt am 15. Januar 2007. Da outete sie sich als Frau, weil sie in der Nacht davor körperlich zusammengebrochen war. Der Leidensdruck durch das Versteckspiel war übermächtig geworden. Aber gelebt hatte Marie Karsten schon immer, nur war sie eingesperrt im Körper eines Menschen, der als Rudi Karsten auf die Welt gekommen ist. Bis zum 15. Januar war es ein Leben voller Leiden, mit seelischen und körperlichen Qualen und psychosomatisch bedingten Herzanfällen.

Marie Karsten erzählt mit tiefer Stimme von diesem Leben, der dunkle Ton ist die letzte Erinnerung an Rudi. Die 50-Jährige wird diese Stimme behalten, eine Operation an den Stimmbändern ist ihr zu gefährlich. Und so erklärt eine Frau mit weißer Bluse, schwarzen Hosen und eleganten Schuhen mit triumphierender Männerstimme: „Seit ich offen als Frau lebe, habe ich keine Schmerzen mehr.“

Es waren so viele Schmerzen, dass sie nicht mehr zwischen seelischen und körperlichen trennen konnte. Der Vater, ein gewalttätiger Alkoholiker, missbrauchte den kleinen Rudi jahrelang im Ehebett. „Die Mutter“, sagt Marie Karsten, „lag daneben.“ Eingegriffen habe sie nie. Es waren entsetzliche Momente, und jeder im Dorf habe es gewusst. Aber das Dorf liegt in der Nähe von Paderborn, eine erzkatholische Gegend. „Wem hätte ich es sagen sollen damals?“, fragt Marie Karsten und ihre Gesichtszüge verhärten sich. „Dem Pfarrer? Der hat’s doch auch gewusst.“

Und schon als Kind spürte Rudi Karsten, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Der Siebenjährige schrieb dem Weihnachtsmann: „Bitte mache mich zu einem Mädchen.“ Den Brief vernichtete er einem Tag später aus Angst vor dem Vater. Der 15-Jährige gab Mädchen Schminktipps, aber beiläufig genug, um damit nicht aufzufallen. Denn die Angst, jemand könnte seine wahren Gefühle erkennen, war übermächtig. Diese Angst trieb ihn zu einem fatalen Schritt. Rudi Karsten beschloss: „Wenn du dich nicht outen kannst, musst du das Wesen, das du darstellen sollst, so leben, dass keiner denkt, mit dir stimmt etwas nicht.“ Er musste männlicher werden als jeder andere.

Rudi Karsten begann mit Kampfsport, und er spielte Fußball. Als Jugendlicher bei SC Gütersloh, als Erwachsener in Niedersachsen. Er war gut, als Aktiver spielte er in der Oberliga – „die klassische Zehn“, aber auch „knochenhart“. Marie Karsten lacht bei dem Gedanken an die damalige Spielweise. Ein tiefes, bitteres Lachen. „Die Härte passte zu der Rolle, die ich mir verordnet hatte.“

Aber diese Rolle stieß in der Kabine an ihre Grenzen. „Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr, mit Männern unter die Dusche zu gehen, das widerte mich an.“ Also wurde Rudi Karsten Schiedsrichter, er war gerade mal 24 Jahre alt. Da konnte er allein duschen. Ab und zu spielte er noch er noch bei den Alten Herren seines Dorfvereins. Die Senioren stellten keine Gefahr dar. „Die haben nach dem Spiel noch ein paar Bier getrunken, da konnte ich allein unter die Dusche.“

Es war eine der vielen Szenen, in denen er sich verstellen, verstecken, verleugnen musste. „Man lernt mit der Lüge leben“, sagt Marie Karsten. Als sie noch Rudi Karsten gab, log der in seinen Beziehungen mit Frauen, und er log als Unternehmensberater. Gleichzeitig arbeitete er verbissen daran, seinen Ansprüchen an die Rolle als Mann gerecht zu werden. Er pumpte seinen Körper mit Krafttraining auf, er gab den pöbelnden Macho.

„Er war das, was man einen Stinkstiefel nennt“, sagt Marie Karsten. Sie sagt oft „Er“, wenn sie Rudi Karsten meint. Sätze, in denen Rudi Karsten als „Er“ auftaucht, haben einen harten Klang, zeitweise wird der Ton schneidend. Manchmal verzieht Marie Karsten auf dem Sofa dabei sogar fast angeekelt die Mundzüge. Irgendwann sagt sie: „Die Frau, die ich jetzt bin, hätte sich auf den Mann, der ich damals sein sollte, nie eingelassen.“

In diesem Leben mit Zweifeln, Ängsten und Schmerzen war der Fußballplatz so etwas wie eine Fluchtburg. Hier erlebte Rudi Karsten psychische Entlastung. Aus einem einfachen Grund: „Ich war ein sehr guter Schiedsrichter.“ Die fachliche Qualifikation gab ihm Selbstsicherheit, Gedanken an peinliche Situationen unter der Dusche musste er sich auf dem Platz nicht machen. Dieser Rudi Karsten, sagt Marie, „war arrogant und großkotzig“. Also wie sonst auch, aber diesmal hatte es nichts mit überbetonter Männlichkeit zu tun. Rudi Karsten gab den Autoritären, weil er das Gefühl hatte, alle Spielsitutionen im Griff zu haben. „Ich war sehr lautstark und stellungssicher. Bei mir gab es keine Diskussionen.“ Aber auch keinen dauerhaften Aufstieg in höhere Klassen. Ein Jahr lang pfiff Rudi Karsten in der Landesliga, dann hatte er genug. In der Landesliga hatte er Linienrichter. Und mit denen musste er Kabine und Dusche teilen.

Doch abseits des Platzes ging das Leiden weiter, und der Wunsch nach innerer Ruhe wurde immer stärker. „In mir lebten ein Mann und eine Frau, einer sollte sterben“, sagt Marie Karsten. „Und irgendwann war es mir egal, wer starb.“

Die Frau war stärker, trotz des Macho-Gehabes, trotz der Muskelberge. Das merkte Rudi Karsten in jener Nacht mit dem furchtbaren Zusammenbruch. Er nahm es als endgültiges Zeichen, das Versteckspiel musste ein Ende haben. Schon am nächsten Tag gab’s Rudi Karsten nicht mehr, Marie Karsten zeigte sich offen als Frau. Der Hausarzt stellte die Diagnose Transidentität, und ein Gutachter befürwortete eine OP zur Geschlechtsumwandlung. Er war beeindruckt von der Willensstärke, mit der Marie Karsten diese OP verlangte. Schon am 23. Oktober erfolgte der Eingriff. „Eine sehr kurze Zeitspanne“, sagt Michael Krueger, der Mann, der sie operierte. „Sie hatte psychisch einen sehr strukturierten Eindruck gemacht.“

Nur zum Pfeifen fühlte sich Marie Karsten nach ihrem Zusammenbruch nicht in der Lage. Erst im Juli meldete Marie Karsten beim zuständigen Schiedsrichterwart. Sie wollte weiterpfeifen, als wäre nichts passiert. Und beim Verband bereitete ihr auch keiner Probleme. Sie konnte das Foto in ihrem Pass austauschen, ließ sich die Lizenz bestätigen und erhielt den Termin ihres ersten Einsatzes. 29. Juli, Pokalspiel, ein Dorfplatz. Der Platz war voll mit Menschen, der Auftritt einer Frau, die jeder im der Gegend als Mann kannte, war eine Sensation. „Meine Geschichte hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet“, sagt Marie Karsten. Es gab ein paar hämische, abfällige Kommentare der Zuschauer, aber sie wurde nicht angegafft wie ein wildes Tier. Die Spieler musterten sie anfangs mit irritierten, verwunderten Blicken, aber keiner sagte etwas.

Doch Marie Karsten lebte lange genug in der Provinz, sie wusste, dass ihre Geschichte auch Ängste und Ressentiments auslöste. Deshalb hatte sie schon kurz nach ihrem Coming Out angekündigt, dass sie ihren Verein verlassen werde. Sie war noch nicht lange Mitglied, sie wollte keinen Ärger produzieren.

Also nahm sie Kontakt zu ihrem alten Verein auf, ein paar Kilometer weiter. Dort kannte man sie, besser gesagt: Man kannte Rudi Karsten. „Der Verein tat sich schwer, mich wieder aufzunehmen“, sagt Marie Karsten. Es lag nicht an den Funktionären, die sagten: Okay, wir machen das. Aber es ist ein Dorfverein, es gibt Menschen im Dorf, die werden argwöhnisch, wenn ihnen der Mann, den sie als Rudi Karsten kennen, plötzlich als Frau mit lackierten Fingernägeln und Schuhen mit Absätzen entgegen kommt. Marie Karsten beugt sich auf dem Sofa nach vorne, dann sagt sie fast eindringlich: „Glauben Sie, da haben einige Leute im Verein nicht Angst? Da geht es ums Image des Vereins. Da geht es drum, ob man vielleicht einen Perversen, einen Merkwürdigen dabei hat.“ Der Verein nahm sie trotzdem. Ein Experiment.

Es gelang. Im Vereinsheim redeten die Leute bald ganz normal mit Marie Karsten, auf den Plätzen hatten die Zuschauer nach drei Monaten diese Schiedsrichterin akzeptiert. „Auf dem Platz ist der Ton gegenüber der Schiedsrichterin Karsten moderater geworden“, sagt sie. „Taktvoller.“ Es gab Spiele, da wurde sie in der Pause gefragt: „Möchten Sie ein Stück Kuchen?“ Die Schiedsrichterin Karsten revanchiert sich dafür, indem sie mehr lächelt und zuhört als früher. Der Umzug nach Potsdam war deshalb keine Flucht, Marie Karsten hatte andere, persönliche Gründe.

Doch das betörendste Gefühl, als Frau respektiert zu werden, hatte sie am 30. September. Da spielte Deutschland im Finale der Frauen-Fußball-WM gegen Brasilien, das Fernsehen übertrug live. Zur gleichen Zeit leitete aber auch Marie Karsten ein Kreisliga-Spiel. Zwei Tore für Deutschland fielen, zweimal hastete ein Mann aus dem Vereinsheim zum Platz, um Marie Karsten den neuen Zwischenstand zuzuschreien.

Später hörte die Schiedsrichterin, dass er extra dafür abgestellt worden war. „Und das“, sagt Marie Karsten ergriffen, „fand ich sensationell.“

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