Schiedsrichternotstand : Neue Pfeifen braucht das Land

Kritik an der Schiedsrichter-Gilde: Tagesspiegel-Korrespondent Vincenzo Delle Donne über den Schiedsrichternotstand in der italienischen Serie A.

Vincenzo Delle Donne

So schnell geht es in Italien. Gerade noch war Juventus Turin die Schaltzentrale, von der aus jahrelang Spielmanipulationen mit System gesteuert wurden. Jetzt darf sich der italienische Rekordmeister schon wieder als Opfer einer Verschwörung fühlen. Anlass zur Klage haben die Verantwortlichen der Turiner bei objektiver Betrachtungsweise momentan tatsächlich zur Genüge: In den letzten Spielen häuften sich zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen, die Juventus im Rennen um einen Champions-League-Platz wichtige Punkte kosteten. Am vorletzten Samstag beispielsweise verlor Juventus 1:2 gegen Reggina durch einen äußerst umstrittenen Elfmeter in der Nachspielzeit. Zuvor waren Juventus im Laufe des Spiels drei klare Elfmeter verweigert worden.

Juves Klubführung protestiert nun lautstark. Aus der systematischen Begünstigung, entrüstete sich Juves Präsident Giovanni Cobolli Gigli, sei mittlerweile eine systematische Benachteiligung geworden. Die Klubführung hat daher die Flucht nach vorne ergriffen: Präsident Gigli und Geschäftsführer Jean-Claude Blanc schrieben einen offenen Protestbrief an den italienischen Fußballverband und forderten ihn unter Androhung von Regressansprüchen auf, stärker über die Regelmäßigkeit der Schiedsrichterleistungen zu wachen. Denn schon jetzt habe Juventus einen nicht zu kalkulierenden Schaden erlitten.

Kritik an der Schiedsrichter-Gilde häuft sich auch von anderer Seite. Dabei hat es sich die Verbandsspitze nach dem Manipulationsskandal um Juventus und bestochene Schiedsrichter nicht leicht gemacht. Nach der Aufdeckung des Skandals wurde der Pool der Unparteiischen radikal verjüngt, als respektierten Mentor der neuen Schiedsrichter-Mannschaft verpflichtete man Pierluigi Collina. Bislang war die Arbeit des einstigen Starreferees jedoch nicht sonderlich erfolgreich. Zudem erhielt er in der letzten Woche Todesdrohungen, weshalb er offen über einen Rücktritt nachdenkt.

Viele Fußballgrößen sprechen inzwischen offen von einem nationalen Schiedsrichternotstand und drängen auf eine Lösung des Problems. Dazu gehört selbstredend auch Juves Präsident Gigli: „Es ist gleichgültig, ob sie Vollprofis sind oder aus dem Ausland geholt werden: Hauptsache ist, dass sie unparteiisch pfeifen.“ Dass Juventus am Sonntag daheim mit 2:3 gegen den AC Florenz verlor, lag übrigens weniger am Schiedsrichter denn am eigenen Unvermögen.

An dieser Stelle schreiben unsere Korrespondenten dienstags über Fußball in England, Spanien und Italien.

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